Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

272 
Dichtung. 
Im ganzen hat diese Richtung in ihren Ausläufern etwas 
Unbehagliches, ein wenig Frostiges; die Bestimmtheit des 
physiologischen Eindrucks ordnet sich eben der Stimmung nicht 
leicht unter; und da, wo sie diesem Mangel durch Gedanken 
abhelfen will, steht sie zu sehr unter der geistlosen Gegenständ⸗ 
lichkeit der Gattung, wird sie banal. 
Da sind die psychologischen Stimmungsdichter besser daran; 
ganz anders leicht gehen bei ihnen naturalistische und idealistische 
Elemente zusammen. Die Dichter dieser Art könnten an Per— 
sönlichkeiten wie den früher behandelten Wilhelm Arent an— 
geschlossen werden, und als ihr Fahnenträger und Herold würde 
dann, nachdem der ihnen angehörende Kreis derer um George 
und Hofmannsthal schon ausführlich besprochen worden ist, 
neben Dörmann und Morgenstern namentlich Julius Otto 
Bierbaum erscheinen. Bierbaum ist 1865 zu Grünberg in 
Schlesien geboren; wir haben von ihm u. a. „Erlebte Ge— 
dichte“ (1892), die Sammlung „Nemt, Frouwe, disen Kranz“ 
(1894) und „Lobetanz“ (1895). Was ihn charakterisiert, das 
ist die unendlich weiche und zarte Stimmung in gebrochenen 
Tönen auf breiter psychologischer, ja neurologischer Grund— 
lage. Er ist dabei diesen Stimmungen so hingegeben, daß er 
fie oft und namentlich anfangs kaum in Verse zu fassen im— 
stande ist; in einer zerfließenden Sprache von so geschmeidigen 
Formen breitet er sie aus, daß der Unterschied von Vers und 
Prosa fast verschwindet. Aber auch im Vers bleibt er schließlich 
gleich traumselig, lind und wehmutsvoll, und er intensiviert 
diese Gefühle vielfach auch durch Zerlegung in erhöht geschilderte 
nervöse Reize, und der Eindruck trifft fast das Gehör, als 
schlüge der Dichter dreifach besaitete Harfen. 
Konnte sich nun aber ein solcher psychischer, nervöser Zu— 
stand der Stimmungsdichtung lange erhalten? Ließ sich von 
ihm aus auch nur entfernt etwas wie ein Weltbild gewinnen? 
Und ist als Endergebnis, wie im sittlichen Leben ein extremer 
Sozialismus oder Individualismus, so im ästhetischen Leben 
ein extremer Physiologismus oder auch nur ein extremer Psycho— 
logismus überhaupt denkbar?
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.