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Dichtung.
Im ganzen hat diese Richtung in ihren Ausläufern etwas
Unbehagliches, ein wenig Frostiges; die Bestimmtheit des
physiologischen Eindrucks ordnet sich eben der Stimmung nicht
leicht unter; und da, wo sie diesem Mangel durch Gedanken
abhelfen will, steht sie zu sehr unter der geistlosen Gegenständ⸗
lichkeit der Gattung, wird sie banal.
Da sind die psychologischen Stimmungsdichter besser daran;
ganz anders leicht gehen bei ihnen naturalistische und idealistische
Elemente zusammen. Die Dichter dieser Art könnten an Per—
sönlichkeiten wie den früher behandelten Wilhelm Arent an—
geschlossen werden, und als ihr Fahnenträger und Herold würde
dann, nachdem der ihnen angehörende Kreis derer um George
und Hofmannsthal schon ausführlich besprochen worden ist,
neben Dörmann und Morgenstern namentlich Julius Otto
Bierbaum erscheinen. Bierbaum ist 1865 zu Grünberg in
Schlesien geboren; wir haben von ihm u. a. „Erlebte Ge—
dichte“ (1892), die Sammlung „Nemt, Frouwe, disen Kranz“
(1894) und „Lobetanz“ (1895). Was ihn charakterisiert, das
ist die unendlich weiche und zarte Stimmung in gebrochenen
Tönen auf breiter psychologischer, ja neurologischer Grund—
lage. Er ist dabei diesen Stimmungen so hingegeben, daß er
fie oft und namentlich anfangs kaum in Verse zu fassen im—
stande ist; in einer zerfließenden Sprache von so geschmeidigen
Formen breitet er sie aus, daß der Unterschied von Vers und
Prosa fast verschwindet. Aber auch im Vers bleibt er schließlich
gleich traumselig, lind und wehmutsvoll, und er intensiviert
diese Gefühle vielfach auch durch Zerlegung in erhöht geschilderte
nervöse Reize, und der Eindruck trifft fast das Gehör, als
schlüge der Dichter dreifach besaitete Harfen.
Konnte sich nun aber ein solcher psychischer, nervöser Zu—
stand der Stimmungsdichtung lange erhalten? Ließ sich von
ihm aus auch nur entfernt etwas wie ein Weltbild gewinnen?
Und ist als Endergebnis, wie im sittlichen Leben ein extremer
Sozialismus oder Individualismus, so im ästhetischen Leben
ein extremer Physiologismus oder auch nur ein extremer Psycho—
logismus überhaupt denkbar?