Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
mus, in dem objektivere sittliche und religiöse Kräfte nach 
Entfaltung ringen. Von beiden Gattungen ist die zweite im 
allgemeinen die spätere, noch schwächere, noch im Werden be— 
griffene. Die erste dagegen, durch zahlreiche Dichter vertreten, 
weist wiederum stimmungsvoll gewandte Physiologen auf und 
stimmungsvoll gewandte Psychologen, die gern auch rein ner— 
vösen Sensationen leben. 
Der physiologische Idealismus der ersten Gattung ist uns 
schon aus Liliencrons zweiter Periode bekannt. Gewiß beruht 
die Bedeutung Liliencrons mehr auf dem Naturalismus seiner 
ersten Periode. Indes auch jetzt noch heben ihn die Leichtigkeit 
seiner Sprache und seines Verses, die virtuose Handhabung 
des Reims, kurz formale Eigenschaften weit über den Durch— 
schnitt der mit im Wettbewerb stehenden Dichter hinweg, und 
wenn er auch nicht so abgestufter Stimmungen fähig ist wie 
mancher andere, so hat er die Nation doch noch mit so schönen 
Dingen wie seinen Gedichtsammlungen „Kampf und Spiele“ 
und „Kämpfe und Ziele“ (1897) bedacht. Indes vollkommener 
noch als Liliencron selbst vertritt diese Art der Stimmungs⸗ 
dichtung sein Freund Gustav Falke (geb. 1853 in Lübeck, 
Musiklehrer in Altona; „Tanz und Andacht“, 1893, u. a. m.). 
Falke ist wärmer und gesättigter als Lilieneron, und schon 
schlagen die Eindrücke bei ihm gelegentlich ins Nervenhafte um. 
Dabei kann die Form nicht selten auf den ersten Blick als alt 
erscheinen und stark stilisiert, — so daß sie wohl an Goethes 
Frühzeit erinnert. Indes das ist nur Schein. Im Grunde ist 
Falk ganz modern; mit Erfolg ruft er weite Schwebungen von 
Spannungsgefühlen hervor, um die Stimmung zu intensivieren, 
und daraus ergeben sich ihm alsbald auch verwickeltere Formen: 
etwas Geheimnisvolles in der Sprache, etwas von seltsamer 
Feierlichkeit, ein Rätselreichtum der Rhythmen und Reime, ein 
raunender Tonfall des Musikalischen. Das alles kann dann den 
Dichter so weit tragen, daß er das erste Erfordernis eines guten 
physiologischen Impressionismus, die klare Gegenständlichkeit, 
verliert, daß sich ihm die Dinge nicht mehr zu einem räumlich⸗ 
zeitlich geschlossenen Ganzen zusammenfügen. Aber im allge—
	        
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