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Da aber die Besserung von Preis und Absatz Fragen der gesamten deutschen
Landwirtschaft sind, so hieße es den Rahmen dieses Gutachtens überspannen,
wollte man hier konkrete Hilfsmaßnahmen vorschlagen. An dieser Stelle können
nur Vorschläge gemacht werden, wie die ostpreußischen Preise für landwirtechaft
liche Erzeugnisse den Preisen im übrigen Deutschland möglichst angeglichen
werden könnten, denn schon die Verminderung dieser bestehenden Spanne würde
aine wesentliche Erleichterung für die ostpreußische Landwirtschaft bedeuten.
Aus den bisherigen Ausführungen dürfte ohne weiteres hervorgehen, daß hier vor
allem durch frachtliche Erleichterungen Hilfe geschaffen werden muß. In diesem
Zusammenhange hält es der Unterausschuß für Landwirtschaft für dringend ge-
boten, daß die zur Zeit der ostpreußischen Landwirtschaft gewährte jährliche
Frachtermäßigung aus Mitteln der Ostpreußenhilfe in Höhe von 10 Mill. RM. auch
für die Zukunft in Kraft bleibt. Auch eine Entwertung dieser wertvollen Hilfe
durch eventuelle Erhöhung der allgemeinen Frachtsätze müßte vermieden werden.
Von besonderer Wichtigkeit für die ostpreußische Landwirtschaft ist der
Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse nach den baltischen Randstaaten. Trotz
der Kapitalarmut dieser Staaten wäre eine Exportsteigerung in dieser Richtung
wohl möglich, wenn das Reich die Ausfallgarantie, die es beim Export nach Ruß-
land gewährt, auch auf den Export nach den östlichen Randstaaten ausdehnen
würde. Zur Zeit werden diese Märkte von Schweden in erheblichem Maße be-
herrscht, welches seinen Exporteuren Jandwirtschaftlicher Erzeugnisse weitgehende
Ausfuhrerleichterungen gewährt.
Zu der Frage der Absatzsteigerung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse
Ostpreußens wird im übrigen noch besonders auf das Produktionsprogramm der
Ostpreußischen Landwirtschaftskammer hingewiesen, das diese der Reichs- und
preußischen Staatsregierung und den sonetigen amtlichen Stellen überreicht hat‘).
Der ostpreußische. Anteil an der Kraftfahrzeugsteuer reicht nicht annähernd
aus, um wenigstens die Hauptstraßen der Provinz mit neuzeitlich verstärkten
Decken, die den Angriffen des Kraftwagens genügen, zu versehen (vgl. Anl. DI).
Da die Finanzkraft von Provinz und Kreisen für das Straßenwesen bereits außer-
ordentlich angespannt ist, so wäre es gerecht, daß der Provinz Ostpreußen, deren
Straßen durch den Krieg noch besonders gelitten haben, bei den Zuweisungen aus
der Kraftfahrzeugsteuer eine Vorrangstellung eingeräumt wird.
Ferner ist ein Zuschuß für Zwecke des ostpreußischen Kleinbahnwesens
erforderlich, um einen einwandfreien Gleiszustand herbeizuführen. Es handelt sich
vor allem um eine notwendige Auswechselung und Verstärkung der Schienen. Diese
sind seit 25 und mehr Betriebsjahren nicht mehr ausgewechselt worden. ‚Der er-
forderliche Betrag wird vom Landeshauptmann auf 3 Mill. RM. veranschlagt.
4. Maßnahmen zur Förderung und Sicherung der Produktion.
a) Die Meliorationsaufgaben.
Meliorationen sind für Ostpreußen eine Lebensnotwendigkeit; von ihrer
schnellen und planmäßigen Durchführung ist die wirtschaftliche Existenz eines
großen Teiles der ostpreußischen Landwirtschaft abhängig. In Ostpreußen spielt
die Meliorationefrage eine so große Rolle, weil die Viehwirtschaft eine erhebliche
Bedeutung hat und der Anteil des Grünlandes an der landwirtschaftlich genutzten
1) Anträge der Landwirtschaftskammer für die Provinz Ostpreußen auf Bewilligung von
Reichsmitteln zur Förderung der Produktion in Ostpreußen, Königsberg Pr., Dezember 1928.
Enauete-Ansschuß. II Band 8.