Der dritte Grund für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter 161
Genußgüter werden hier also, wenn man so sagen darf, als Pro-
duktionsmittel der Produktionsmittel betrachtet, wobei noch die
Produktivgüter den bestimmenden, die Genußgüter den zu be-
stimmenden Faktor bilden. Indessen widerspricht dieser Satz
dem grundlegenden Gesichtspunkt der ganzen Schule, für die
die Genußgüter primärer Natur sind und die Produktivgüter, als
Güter entfernterer Ordnung, ihrem Werte nach abgeleitete
Größen sind. Wir sehen also, daß auch in diesem Punkte die
Böhmsche Erklärung sich im Kreise bewegt*®, Der Wert des
Produktes bestimmt den Wert der Produktionsmittel, der Wert
der Produktionsmittel bestimmt den Wert des Produkts. Dies
ist schon an und für sich ein Widerspruch. Doch auch abge-
sehen davon bleibt das Verhältnis zwischen der Bestimmung
des Wertes der gegenwärtigen Güter unter dem Einfluß ihres
Grenznutzens und der Bestimmung, die unter der Wirkung der
größeren technischen und wirtschaftlichen Produktivität der ge-
genwärtigen Produktionsmittel zustande kommt, unerklärlich.
Angenommen, der Grenznutzen eines gewissen Vorrats an ge-
genwärtigen Gütern ist 500; wenn die ersten zwei Gründe über-
haupt nicht wirksam sind, ebenso die Wirksamkeit des dritten
einstweilen nicht in Erscheinung tritt, so wird auch der zukünf-
tige Vorrat an den nämlichen Gütern 500 sein. Angenommen
nun, daß als Ergebnis der vorteilhaftesten Produktionsperiode,
die ihrerseits ihr Entstehung dem Vorhandensein unseres Vor-
rats verdankt 800 Werteinheiten, dagegen bei einer Ver-
schiebung um ein Jahr (d.h. bei einem kürzeren Produktions-
prozeß) nur 700 Werteinheiten erhalten. Nach Böhm-Bawerk
müßte in diesem Falle eine Veberlegenheit des Wertes der ge-
genwärtigen Güter über die zukünftigen entstehen. Dies wäre
der Fall (wir nehmen die zwei hauptsächlichsten
Fälle) entweder dann, wenn der Wert der gegenwärtigen Güter
über 500 steigen oder der Wert der zukünftigen unter 500
sinken würde. Der erste Fall kann nicht stattfinden, denn dies
würde eine offensichtliche Verletzung des Gesetzes des Grenz-
% Vgl. Bortkievitz, Il. c. S. 957 u. 958: „Ja, die technische Ueberlegenheit
der gegenwärtigen Produktivgüter soll indirekt ein Wertagio zugunsten der
gegenwärtigen Genußgüter herbeiführen, indem nämlich die Verfügung über
die letzteren gewisse Produktivmittel ‚für den technisch ergiebigeren Dienst
der Zukunft‘ frei mache. Hier dreht sich die Argumentation im Kreise. Denn
in Wirklichkeit kann ein Wertüberschuß gegenwärtiger Produktivgüter über
künftige Produktivgüter nicht anders als nach Maßgabe einer. verschiedenen
Bewertung zeitlich auseinanderliegender Genußgüter bestehen, und nun soll
diese Verschiedenheit der Bewertung ihrerseits durch das Wertverhältnis
zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Produktivgütern erklärt werden.‘
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