Full text: Die politische Ökonomie des Rentners

Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 163 
men nicht eines einzelnen Unternehmers, sondern der gesamten 
Kapitalistenk lasse. „Wenn alle Kapitalisten — sagt Stolz- 
mann — imstande sind, gleichen Vorteil aus der erhöhten Pro- 
duktivität zu ziehen, so bleibt kein Mittel des Mehrgewinnes, 
der ‚Mehrwert‘ kann nicht mehr aus der Divergenz der Pro- 
duktenmenge, die ohne den kapitalistischen Umweg, und der 
Produktenmengen, die mit seiner Einschlagung hergestellt 
wird, abgeleitet werden?.“ 
Wenn wir nun die Motive der Kapitalisten und der Arbeiter 
ins Auge fassen, so ergibt sich folgender Tatbestand. Für den 
Arbeiter kommt überhaupt gar keine Wahl zwischen dem einen 
oder anderen Produktionsweg in Betracht, und dies aus dem 
sehr einfachen Grunde, weil er als Arbeiter gar keine Möglich- 
keit hat, selbständig zu produzieren. Schon eine derartige Pro- 
blemstellung ist in bezug auf den Arbeiter einfach wider- 
sinnig. Was nun aber die Kapitalisten anbetrifft, so kann man 
hier gegen Böhm-Bawerk seine eigene Waffe wenden, und zwar: 
Die Arbeit als Produktionsmittel erlaubt dem Kapitalisten, jeg- 
lichen „Umweg“ einzuschlagen; die gegenwärtigen Gulden wür- 
den totes Kapital bleiben, würden sie nicht von der Arbeit be- 
fruchtet. Mit anderen Worten: Die „gegenwärtigen Güter‘ haben 
für den Kapitalisten nur insofern Sinn, als er sie in Arbeit ver- 
wandeln kann (wir abstrahieren hier von den anderen Produk- 
tionsmitteln) _ Sofern es sich hier also um die Gegenüberstellung 
von Geld und Arbeit handelt (von den Verbrauchsgütern 
ganz und gar abgesehen, die als solche für den Kapitalisten ab- 
solut überflüssig sind), besitzt die Arbeit vom Ge- 
sichtspunkte des Kapitalisten einen höheren 
subjektiven Wert. Das folgt schon aus dem Tauschakt: 
Wäre es für den Kapitalisten nicht vorteilhaft, die Arbeit zu kau- 
fen, d. h., hätte er sie subjektiv nicht höher als seine Gulden ge- 
schätzt, so würde er sie überhaupt nicht kaufen. Denn der Kapi- 
talist zieht im voraus denjenigen Profit in Betracht, den er haben 
a — ein Umstand, der ihn bei jeder Wertschätzung beein- 
ußt. 
Formulieren wir nun die Frage allgemeiner. Angenommen, 
es handelt sich um gegenwärtige und zukünftige 1000 Gulden. 
Wird nun der Kapitalist die gegenwärtigen 1000 Gulden höher 
schätzen als die zukünftigen? Zweifelsohne. Warum? Ja, aus dem 
einfachen Grunde, weil „Geld Geld heckt“. Die höhere Wertschät- 
zung des Bargeldes beruht auf Kreditoperationen, folglich also 
in letzter Instanz auf der Profitbasis. Ein derartiger, für die 
°7 Stolzmann, 1. c. S. 320. Vgl. auch Bortkievitz, 1. c. S. 943 ff. 
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