Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

356 Zwanzigstes Buch. Viertes LKapitel. 
Aufführung der Oberen verhaßt oder gar lächerlich machen 
wollen“1. 
Unter diesen Umständen blieb der Kreis der Satire 
Rabeners zunächst äußerlich begrenzt: im wesentlichen hat er 
nur die schwachen Seiten des Mittelstandes gegeißelt. Aber 
damit war natürlich auch eine innerliche Beschränkung ge— 
geben: in der Geißelung des Philistertums blieben Rabener 
die tiefsten Töne des Herzens, blieb ihm der Laut des höchsten 
Lobes und heiligsten Tadels stumm. Und noch mehr muß 
gesagt werden. Die größeren Stücke Rabeners zeigen deutlich, 
daß ihm die Kräfte zum komischen Roman gegeben waren, daß er 
die Satire des 16. und 17. Jahrhunderts wohl zu der Kunst⸗ 
form hätte hinführen können, die sie schon längst als Blüte 
einer höheren Entwicklung verlangte. Wie aber sollte der Dichter 
dieser Aufgabe gerecht werden, wenn er sich in den materiellen 
Grundlagen der Satire Vorschriften machte, die sich wohl aus 
sozialen und politischen, nimmermehr aber aus ästhetischen und 
ethischen Gründen erklären lassen? 
So blieb der deutschen Satire, dieser Leidensform, diesem 
Aschenbrödel unserer Dichtung seit dem 16. Jahrhundert, 
auch diesmal die höchste Ausbildung versagt. Oder hätte sie 
Zachariä (172641777) ihr geben können? Zachariä war ein 
frühreifes Talent; noch als Jüngling veröffentlichte er das 
komische Heldengedicht „Der Renommiste“, eine prächtige Satire 
des Studentenlebens seiner Zeit. Aber seitdem versagte er. 
Er fand weder Formen noch ästhetische Gesetze der Satire, die 
seiner Zeit gemnäß waren. Und da kann man denn freilich 
ganz allgemein sagen, daß Fortschritte, die an Drama und 
Satire anknüpften, wenn sie über den Rationalismus hinaus⸗ 
strebten, dem neuen Geiste grade anfangs nicht zum Durch— 
bruch verhelfen konnten und eben deshalb nicht zur Blüte ge⸗ 
langten. Denn dem trat entgegen, was eben beide Gattungen 
im individualistischen Zeitalter gefördert hatte und bei günstigem 
Verlaufe noch viel mehr hätte fördern können: der Zug aufs 
1Zit. Lemcke S. 517.
	        
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