Full text : Die politische Ökonomie des Rentners

Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx yö
der Prozeß der technischen Vervollkommnung vorwärts schreitet.
Für den Proletarier ist somit die Psychologie des Produzenten
 charakteristisch. Umgekehrt ist für den Rentner
die Psychologie des Konsumenten; charakteristisch.

Ferner. Wir sahen bereits, daß die hier in Betracht kommende
Gesellschaftsklasse ein Produkt des Niederganges der Bourgeoisie
ist; dieser Niedergang steht im Zusammenhang damit, daß die
Bourgeoisie ihre sozial-nützlichen Funktionen bereits eingebüßt
hat. Diese eigenartige Stellung der Klasse innerhalb des Produktionsprozesses,
 oder, richtiger gesagt, außerhalb des Produktionsprozesses,
 führte zur Entstehung eines besonderen sozialen
Typus, der sich sozusagen durch seine Asocialität auszeichnet.
Ist die Bourgeoisie an sich schon von ihren Windeln an individualistisch,
 denn die Grundlage ihres Daseins bildet die wirtschaftliche
 Zelle, die in hartem Konkurrenzkampf für ihre
selbständige Existenz mit anderen Zellen liegt, — so verschärft
sich dieser Individualismus bei dem Rentner noch mehr. Der
Rentner kennt überhaupt kein soziales Leben, — er steht abseits
von ihm; die sozialen Bande zerfallen, sogar die allgemeinen
Aufgaben der Klasse vermögen nicht die „sozialen Atome“‘‘ zusammenzuschweißen.
 Es verschwindet nicht nur das Interesse an
den kapitalistischen Unternehmungen, sondern an allem ‚„Sozialen‘‘
 schlechthin. Die Ideologie einer derartigen Schicht ist notgedrungen
 stark individualistisch; besonders scharf äußert sich
dieser Individualismus in der Aesthetik dieser Klasse: jede Behandlung
 der sozialen Themen erscheint eo ipso als „unkünstlerisch‘,
 grob‘; „tendenziös‘.
Ganz anders entwickelt sich die Psychologie des Proletariats.
Rasch wirft es die individualistische Schale jener Klassen von
sich ab, denen es entstammt: des städtischen und ländlichen
Kleinbürgertums. Eingesperrt in die steinernen Mauern der Großstädte,
 konzentriert an den Stätten der gemeinsamen Arbeit und
des gemeinsamen Kampfes, entwickelt das Proletariat die Psychologie
 des Kollektivismus, des maximalen Empfindens der sozialen
Bande; nur auf den allerfrühesten Entwicklungsstufen, solange
das Proletariat sich noch nicht zu einer besonderen Klasse entwickelt
 hat, zeigen sich noch individualistische Tendenzen, —
dann verschwinden sie aber spurlos. Und so entwickelt sich das
            
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