Full text: Die politische Ökonomie des Rentners

z Die Werttheorie 
Böhm-Bawerk unterscheidet jedoch (im Gegensatz, wie er 
meint, zur alten Terminologie, nach der Nutzen und Gebrauchs- 
wert immer Synonyme sind) zwischen Nützlichkeit im allge- 
meinen und Wert, der sozusagen qualifizierte Nützlichkeit 
ist. „Die Beziehung zur menschlichen Wohlfahrt‘ — sagt Böhm- 
Bawerk — „äußert sich in zwei wesentlich verschiedenen For- 
men: ‚Die niedrigere liegt dann vor, wenn ein Gut überhaupt die 
Fähigkeit hat, der menschlichen Wohlfahrt zu dienen. Da- 
gegen erheischt die höhere Stufe, daß ein Gut nicht bloß taug- 
liche Ursache, sondern zugleich auch unentbehrliche Bedin- 
gung eines Wohlfahrtserfolges sei... Die niedrigere Stufe 
nennt sie (die Sprache) Nützlichkeit, die höhere Wer t*.“ 
Zwei Beispiele veranschaulichen diesen Unterschied: im ersten 
haben wir einen „Mann“, der „an einer reichlich sprudelnden 
Quelle guten Trinkwassers‘‘ sitzt; im zweiten — „einen anderen 
Mann, der in der Wüste reist‘. Es ist klar, daß ein Becher Was- 
ser eine ganz verschiedene Bedeutung für die „Wohlfahrt“ der 
beiden haben muß. Im ersten Fall ist der Becher Wasser keines- 
falls als „unentbehrliche Bedingung‘ anzusehen; anders im zwei- 
ten Fall: hier tritt der Nutzen in seiner „höchsten‘‘ Form hervor, 
da der Verlust eines jeden Bechers Wasser für unseren Reisenden 
sehr empfindlich werden kann. 
Daraus ergibt sich folgende Formulierung der „Entstehung 
des Wertes“: „Güter erlangendann Wert, wennder 
verfügbare Gesamtvorrat an Gütern solcher 
Art so gering ist, daß er zur Deckung der von 
ihnen Befriedigung heischenden Bedürfnisse 
entweder nicht oder doch nur so knapp aus- 
reicht, daß er ohne die Güterexemplare, um 
Begriff vorhanden ist, welcher dem subjektiven Wertbegriff der österreichi- 
schen Schule analog wäre. Darüber siehe die ausgezeichnete Broschüre von 
R. Hilferding: „Böhm-Bawerks Marx Kritik“, Wien 1904, S. 52 u. 53ff. Be- 
sonders amüsant ist in dieser Beziehung Tugan-Baranowsky, der in seinen 
„Grundzügen‘‘ ein Gesetz der Proportionalität zwischen dem Arbeitswert, der 
doch nur Sinn hätte in Relation zu der ganzen Gesellschaft und den man ganz 
unmöglich auf eine vereinzelte Wirtschaft anwenden kann — und dem Grenz- 
nutzen aufstellt, der im Gegenteil sich nur für die Schätzungen des Indi- 
viduums „eignet“ und jeden Sinn sogar vom Standpunkte Böhm-Bawerks 
selbst in Relation zur „Volkswirtschaft‘“ entbehrt. 
15 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 9. Dies ist für die Oesterreicher 
besonders wichtig. „Ihr (d. h. der Grenznutzentheorie) Eckstein, ist die 
Unterscheidung zwischen Nützlichkeit im allgemeinen und demjenigen ganz 
bestimmten konkreten Nutzen, der in einer gegebenen wirtschaftlichen Sach- 
Jage von der Verfügung über das zu schätzende bestimmte Gut abhängt“ 
(Böhm-Bawerk: „Der letzte Maßstab des Güterwertes‘“, Zeitschrift für Volks- 
wirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. III, S. 187). 
70
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.