8 Die Werttheorie (Fortsetzung)
So versucht Böhm-Bawerk die obenerwähnte „theoretische
Schwierigkeit‘ zu beseitigen. Doch ist seine Erklärung nur
imaginärer Natur und hängt in Wirklichkeit in der Luft. Neh-
men wir das krasseste Beispiel: die Lebensmittel. Der auf Nutzen
beruhende subjektive Wert derselben (wir nehmen eine Einheit,
die der geringsten Sättigungs- und der höchsten Gebrauchsgrenze
entspricht) ist unbegrenzt hoch; angenommen ferner, daß die
auf der Antizipation der Marktbedingungen beruhende Wert-
schätzung gleich 2 Rubel ist. Wann wird die von Böhm voraus-
gesetzte Entscheidung gefällt? Mit anderen Worten, wann wird
sich unser „Individuum“ entschließen, jeden Preis zu zahlen,
„alles für ein Stück Brot‘“ abzugeben? Es ist klar, daß dies nur
bei ganz anormalen Bedingungen des Marktes der Fall sein kann.
Und nicht einmal bei anormalen, d. h. von der Norm ab-
weichenden Bedingungen, sondern in ganz besonderen
Ausnahmefällen, d. h. wenn von gesellschaftlicher Pro-
duktion, von gesellschaftlicher Wirtschaft usw. im gewöhnlichen
Sinne des Wortes gar keine Rede sein kann. Möglich ist es, daß
in einer „belagerten Stadt‘ (eins der beliebtesten Beispiele Böhm-
Bawerks) oder auf einem gestrandeten Schiffe, oder auch bei den
in der Wüste Herumirrenden ein solcher Fall vorkommen kann.
Doch im modernen Leben kann, vorausgesetzt, daß die gesell-
schaftliche Produktion und Reproduktion ihren normalen Gang
behält, nichts derartiges vorkommen. Was sich
da abspielt, ist etwas ganz anderes. Zwischen der subjektiven
Wertschätzung nach dem Nutzen und der vorausgesetzten Höhe
des Marktpreises (in dem vorliegenden Beispiel zwischen © und
2 Rubeln) gibt es eine ganze Skala von verschiedenen möglichen
Preisen (abgesehen selbst von der möglichen Abweichung unter
2 Rubel). Für gewöhnlich wird jedes einzelne konkrete Geschäft
auf einer dem „antizipierten‘‘ Preise sehr nahen Basis abge-
schlossen, und in einer Anzahl von Fällen stimmen beide völlig
überein, So z. B. bei festen Preisen. Doch wie dem auch sei, eins
ist klar: bei einem normalen Gang der gesellschaftlichen Produk-
tion ist das Verhältnis zwischen der gesellschaftlichen
Nachfrage und dem gesellschaftlichen Angebot so, daß
den individuellen Wertschätzungen nach dem Nutzen keinesfalls
irgendeine leitende Rolle zukommt, ja sie tauchen überhaupt
nicht an der Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens auf.
Unser Beispiel eignet sich für beide von Böhm-Bawerk angeführte,
obenerwähnte Fälle. Wir haben noch einen Fall zu analysieren,
1? Scharling 1. c. S. 29; auch Lewin: „Arbeitslohn und soziale Entwick-
lung‘, Anhang.
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