ES \ Il. Geschichtliche N
‘ax
© | Verhältnisse.
Hat die bisherige Betrachtung der klimatisch-geogra-
phischen Verhältnisse der lateinisch- amerikanischen Länder
gezeigt, welche Bedingungen die Natur den kolonisierenden
Eroberern und später den selbständig gewordenen Staaten-
gebilden für die wirtschaftliche Entwickelung bot und bietet,
so soll eine kurze Betrachtung der geschichtlichen Verhält-
nisse zeigen, inwieweit der heutige wirtschaftliche Zustand
der in Rede stehenden Länder ein Ergebnis dessen ist, was
der Mensch aus den gegebenen natürlichen Bedingungen
zu machen verstand. Diese Aufgabe kann selbstredend erst
mit dem Zeitpunkt beginnen, an dem Amerika durch die
Berührung mit Angehörigen alter Kulturländer in den Kreis
der Kulturverbreitung hereingezogen wurde, und deshalb ist
unter dem Menschen der kolonisierende europäische Kultur-
mensch zu verstehen, denn. ganz sich selbst überlassen, hätte
der eingeborene Indianer, wie heute noch viele Beispiele
zeigen, aus seinem. geistigen und kulturellen Tiefstande heraus
den Kontinent keinen Schritt auf der Bahn der Entwickelung
vorwärts zu führen vermocht und selbst für die Mitwirkung
an der Kulturarbeit der Europäer erwies er sich mit wenigen
Ausnahmen als durchaus ungeeignet, so daß man im latei-
nischen Amerika die gesamte, wenn auch noch nicht sehr
glänzende wirtschaftliche Entwickelung auf Rechnung der
europäischen geistigen und vielfach auch körperlichen Leistung
setzen muß.
Das ganze Gepräge der wirtschaftlichen Zustände im
lateinischen Amerika trägt heute noch so sehr den Charakter
der ersten Zustände nach dem Erscheinen der Europäer,
daß die Frage nicht ungerechtfertigt erscheint, wie die Dinge
sich damals gestaltet haben und weshalb in dem langen
Zeitraum von 400 Jahren nur ein ‘so geringer Fortschritt
verzeichnet werden kann.
Zunächst ist es auffallend, daß ein so riesiges Gebiet,
wie das heutige lateinische Amerika durch eine geringe
Zahl von Europäern und in kurzer Zeit unterworfen
werden konnte. Der Grund dafür liegt in, der im vorigen
ZA