Wirtschaftliche Entwickelung.
Beobachten wir nun kurz die vorgenannten kapitalbildenden
Faktoren im einzelnen, um zu untersuchen, wieweit
sie im lateinischen Amerika vorhanden sind und wie sie
gewirkt haben.
1. Bodenwirtschaft.
Zunächst die Bebauung des Bodens: sie wurde auf
weiten Flächen der amerikanischen Kolonien von den Europäern.
betrieben, aber ihr Wesen entsprach nicht dem uns
in Europa bekannt gewordenen Landbau. Hier können wir
feststellen, daß der Ackerbau von den ältesten Zeiten an in
erster Linie zur Erzeugung der für die einheimische Bevölkerung
nötigen Nahrungsmittel diente und daß die Landwirtschaft
diese Rolle im großen und ganzen heute noch
spielt. Da nun’ natürlich mit den Fortschritten der Arbeitsteilung
der Zustand eintrat, daß nicht mehr der ‘einzelne
seine Früchte selbst baute, sondern daß man bestrebt war,
mit der Summe der in einem Lande erzeugten Bodenfrüchte
einen möglichst großen Teil des Landesbedarfes zu decken,
so mußte natürlich der nicht mit Landwirtschaft sich befassende
Teil, der Bevölkerung seinen Bedarf an Früchten
kaufen, es entstand also ein Handel mit Bodenerzeugnissen,
der. die Landwirtschaft gewinnbringend und kapitalkräftig
machte, sie aber gleichzeitig in einenwirtschaftlichen Gegensatz
zu den Konsumenten brachte, die, ihren Lebensunterhalt
.durch. andere Tätigkeiten erwerbend, ein Interesse an
möglichst. niedrigen Getreidepreisen hatten. Dieser Gegensatz
der Interessen besteht heute noch in voller Schärfe.
Im lateinischen Amerika finden wir hiervon stark abweichende
Verhältnisse. Bei seiner Eroberung durch die
Europäer standen die Indianer, mit Ausnahme der wenigen
Kulturinseln in Mexiko und Peru, noch auf der dürftigsten
und niedrigsten Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung, die
man bis zu einem gewissen Grade heute noch bei den wilden
Indianern jener Gegenden beobachten kann. Für die Befriedigung
der Lebensbedürfnisse fehlte eine eigentliche Organisation,
jeder suchte sich seine Nahrung einzeln, und da
die wirtschaftlichen Bedürfnisse regelmäßig wiederkehrten,
wurden sie gleichsam ein Bestandteil der regelmäßigen Verrichtungen
des Körpers zur Erhaltung des Lebens, die überhaupt
den einzigen Zweck der Tätigkeit dieser Menschen bildete.
Der Reichtum der. .Natur gestattete die Befriedigung der
Lebensbedürfnisse fast ganz auf okkupatorischem Wege, und
WA