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646 Viertes Buch. Die Entwickelung des voltswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1104
wirtschaftszweige die Möglichkeiten der Nahrungsmittelzufuhr und der Fabrikatenausfuhr
und die daran sich küpfenden Folgen geprüft.
Auf solchen sichereren Grundlagen wird man praktisch wenigstens leichter zu den
notwendigen Kompromissen kommen. Man wird für Deutschland in der Agrarzollfrage
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wirtschaftenden Grundeigentümer und Pächter vor dem Bankerott schützen; wir müfsen
als Kompromiß die Zollhöhe so bemessen, daß ohne starke Verteuerung der Lebensmittel
und ohne Erhöhung der Grundrente doch die Landwirte bestehen können, und zugleich durch
den bleibenden Preisdruck ein gewisser Impuls erhalten bleibe, durch technische Fort—
schritte besser und mehr zu produzieren. Wir werden am leichtesten eine solche Zoll⸗
politik rechtsertigen können, wenn die Regierung durch starke bäuerliche Kolonisation
zeigt, daß die Zollerhöhung nicht wesentlich im Dienste der reichen Großgrundbesitzer
eschieht.
Im übrigen wird von den streitenden Parteien im Kampf um „Agrar- und
Industriestaat“ sich theoretisch keine den Sieg allein zuschreiben können. Es handelt
sich um Zukunftsmöglichkeiten, um Entwickelungstendenzen, die in jedem Staate durch
politische und wirtschaftliche Ursachen aller Art beeinflußt werden, die für Deutschland
auch nicht allein durch etwas höhere oder niedrigere Agrarzölle sicher zu dem einen
oder anderen Ziele führen. Einen Niedergang der Landwirtschaft wie England werden
wir nicht erleben, und ein Industriestaat bleiben wir, wie auch unsere Agrarzölle aus—
fallen werden.
Wichtiger für die Sicherstellung der Ernährung der dichtbevölkerten Industriestaaten
als die Zölle werden in nächster Zeit die Zollunionen, der Imperialismus, das Verhältnis
zu den Kolonien sein. Wir sahen schon, daß der Plan Chamberlains die Ernährung
Englands durch den Reichszollverein sicher stellen will; Frankreich hat in Algier seine
Kornkammer. Für Deutschland würde ein mitteleuropäischer Zollverein, der Ungarn,
Rumänien und vielleicht weitere Teile der Balkanhalbinsel umfaßte, wenigstens in er—
heblichem Maße die nötigen Mehrgetreidezufuhren erleichtern.
Die letzte Frage der heutigen Handelspolitik betrifft so die ganze Gestaltung der neuen
Zollgrenzen auf der Erde überhaupt. Die fortschreitende internationale Arbeitsteilung
hat wieder, wie oftmals früher, die Frage aufgerollt, inwieweit können Länder und
Gebiete, die sich wirtschaftlich gegenseitig dringend bedürfen, verschiedenen, unter Um—
ständen feindlichen Staatsgewalten angehören? Alle Umwandlung der Klein- in Groß—
staaten, alle ältere und neuere wirtschaftliche Bundespolitik wurde von solchen Ursachen
(vergl. J 288—87) beherrscht. Wenn Dutzende und Hunderte von Kleinstaaten ebenso
leicht einen großen Verkehr entwickeln könnten, so wären einstens der attische Seebund
und das Romische Reich, im 19. Jahrhundert der Zollverein, heute der kanadische und
australische Zollverband nicht entstanden, so wäre nicht immer wieder die starke Tendenz
der größten Mächte auf Welthandelsherrschaft vorhanden.
Die zwei Wege, politische Eroberung und Bundespolitik (Zollverein) wollen
zuletzt dasselbe: die rechtlich gefestigte Herstellung immer größerer, freierer Markt- und
Verkehrsgebiete. Auf dem ersteren wandelten unsere heutigen Riesenmächte; auf dem
letzteren entstand Deutschland, wird vielleicht ein mitteleuropäischer Zollverein entstehen.
Wir erwähnten, daß 1880 —1894 mancherlei Stimmen für ihn sich erhoben. Von da
an ist der Plan hauptsächlich durch die wachsende Schutzzollagitation so in den Hinter—
grund geschoben worden, daß es eine Zeitlang den Anschein hatte, nur Gelehrte seien noch
für denselben. Die drei großen Weltmächte stehen ihm natürlich feindlich gegenüber; die
Eifersucht und Kurzsichtigkeit der kleinen wird das noch größere Hindernis sein. Nur
eine ganz große und kühne, dabei zugleich maßvolle, die kleinen Staaten schonende und
schützende Politik (vergl. oben S. 637) könnte dasZiel erreichen. Vielleicht am ehesten
durch allerlei Übergangsstadien. Jedenfalls müßte man zunächst den teilnehmenden
Staaten ihre Finanz- und gewisse Industriezölle als Reservatrechte lassen. Die Wahr—
scheinlichkeit, daß er zu stande kommt, erscheint heute nicht groß. Sicher ist aber, daß
dann auch die handelsvolitische Lage der mitteleuropäischen Staaten eine immer