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II. Theil. Statistik der Sterbetalle.
doch im Laufe der Zeit eher ab- als zuzunehmen scheint —
wohl in Folge der Fortschritte der diagnostischen Kunst und
der Verbesserung der diagnostischen Hülfsmittel. War sie im
ersten Jahrzehnt noch bei 13,08 aller Gestorbenen die Todes
ursache, so sank dieser Procentsatz im zweiten auf 13,0?, im
dritten auf 11,28, erhob sich derselbe zwar im vierten auf
11,78, fiel dann aber im fünften wieder auf 11,25. Die absolute
Zahl der an Lungenschwindsucht in den letzten Jahrzehnten
Gestorbenen ist so überwiegend, dass der Procentsatz für den
ganzen fünfzigjährigen Zeitraum mit 11,03 dem niedrigsten
Procentsatz der Jahrzehnte weit näher steht, als dem höchsten.
Und hiermit kommen wir zum zweiten Theile unserer
hier gestellten Aufgabe, zu einer Betrachtung der Veränderungen
des Gewichtes der verschiedenen Todesursachen im Laufe der
Jahrzehnte.
Wie der nachstehende, zugleich auf graphische Veranschau
lichung berechnete, Auszug aus der Tabelle Xll zeigt, sind es
nur zwei Todesursachen, deren Gewicht vom ersten Jahrzehnt
ab consequent abnimmt, nämlich der Typhus und die Unter
leibsentzündung. Die procentale Abnahme des Typhus ist
sehr bedeutend und fällt um so mehr ins Gewicht, da die
absoluten Zahlen der Typhusfälle beträchtlich sind. Man wird
die Abnahme der verheerenden Wirkung der Typhusfälle wohl
ausschliesslich den bekannten grossen Fortschritten, welche
die Therapie dieser Krankheit in den letzten Jahrzehnten ge
macht hat, zuschreiben dürfen; bei den Unterleibsentzündungen,
einer freilich ziemlich gemischten Krankheitsklasse, hat wahr
scheinlich ein ähnlicher Grund vermindernd eingewirkt; übrigens
sind hier die Gewichtsveränderungen nicht so beträchtlich, und,
wegen der kleinen absoluten Zahlen, aus denen sie berechnet
sind, minder einflussreich.
Todesursachen
182g—38
1) Typhus
2) Asiatische Cholera ....
3) Andere Iiifections-Krankheiten
4) Lungenschwindsucht
5) Krebs
6) Gelenk-Rheumatismus
7) Diabetes mellitus etc
8) Geisteskrankheiten etc
9) Gehirn-Entzündung etc
10) Chronische Gehirn- und Rückenmarks-Krankheiten . . .
11) Entzünd!. Krankh. der Organe der Brusthöhle
12) Chronische Entzündungen (Katarrhe) der Lungenschleim
haut und Emphysem
13) Chronische Herzkrankheiten
14) Unterleibsentzündung excl. Puerperalfieber
15) Chronische Leberkrankheiten
16) ßright’sche Krankheit
17) Aeussere Schäden und Geschwüre
18) Gehirn-Schlagfluss
19) Lungen-Schlagfluss
20) Sonstige Krankheiten
21) Selbstentleibung
22) Verunglückung
23) Altersschwäche
14,86
1,63
5,79
13,08
2,97
1,6»
O,00
0,59
1,4»
1,6 3
9,36
2,23
2,53
3,57
4,16
0,15
1,34
12,48
1,93
I 5'01
1,63
1,49
0,45
1839-48
steigend auf
fallend °'o
fällt
fällt
fällt
fällt
fällt
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
steigt
steigt
fällt
steigt
13,82
0,84
2,95
13,02
2,72
Li?
0,19
0,19
0,84
3,14
9,13
1849—58
steigend auf
fallend ! °/ 0
1859—68
steigend auf
fallend j 0 0
1,69
I.
2,72
3,14
2,86
0,28
0,56
I 1,66
2,72
19,44
2,62
1,17
3,13
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
fällt
steigt
steigt
fällt
steigt
steigt
fällt
steigt
fällt
fällt
steigt
steigt
fällt
fällt
steigt
fällt
steigt
steiet
9,64
3,27
2,59
I 1,28"
2,82
0,73
0,38
0,25
0,60
3,78
10,70
0,86
4,40
2,37
2,72
0,60
0,91
10,80
1,96
19,96
1,96
1,23
6,22
fällt
fällt
steigt !
steigt ;
steigt I
steigt
steigt
steigt
steigt
fällt
steigt
steigt
fällt
fällt
steigt
steigt
steigt
steigt
fällt
fällt
bleibt
steigt
",82
1,70
2 ,20
1 1 ,78
5,36
0,9.5
0,42
0,38
0,68
4,76
! 1 0,3.3
5,18
1,37
1,15
1 2,io
2,85
13,68
1,60
1,23
8,35
I869— 78
steigend auf
fällend 0 0
fällt
fällt
steigt
fällt
steigt
fällt
steigt
steigt
steigt
fällt
steigt
steigt
steigt
fällt
steigt
steigt
steigt
steigt
fällt
fällt
steigt
steigt
steigt
4,20
0,32
34:
1 1,25
6,48
0,86
0,53
0,46
0,94
4,35
I 1,85
3,21
7,78
1,72
2,46
2,00
1,29
12,81
1,93
IO.53
[,83
Bei vier Todesursachen — Diabetes mellitus, Chron.
Herzkrankheiten, Bright'sehe Krankheit, Alters
schwäche— beobachtet man eine consequente, bei der zwei
ten und vierten von ihnen eine sehr beträchtliche Gewichts
steigerung. Die Steigerung bei der vierten erklärt sich zum
Theil aus dem wachsenden Alter der Anstalt. Je mehr sich der
Procentsatz der Sterbefälle, welche auf diese Todesursache zu
rückzuführen sind, 100 nähert, desto besser für die Versiche
rungs-Anstalt, vorausgesetzt nur, dass der marasmus senilis in
der Regel in den Altersklassen vorkommt, in denen er sich als
normaler Process darstellt. Aus der unten folgenden Tab. XVI
ist zu ermitteln, dass bei der Gothaer Anstalt das Durchschnitts
alter der an Altersschwäche Gestorbenen 76,35 Jahre betrug.
Das ist denn schon eine Altersstufe, bei welcher der Tod in
Folge von Altersschwäche nichts Befremdliches hat.
Die Steigerung des Gewichtes der chronischen Herzkrank
heiten wird zum Theil gewiss darauf zurückzuführen sein, dass
die pathologischen Zustände, welche man heutzutage so be
zeichnet, in den letzten Jahrzehnten in Folge der gesteigerten
Hast und tJnruhe des Lebens wirklich und zunehmend häufiger
Vorkommen, als früher, theils wohl darauf, dass man gerade
bei diesen Leiden immer mehr die richtige Bezeichnung hlos
symptomatischen Benennungen (z. B. Wassersucht) vorzieht,
! oder auch wirklich häufiger den eigentlichen Sitz des Uebels
I erkennt.
Die übrigens auf absolut niedrige Zahlen sich stützende
Steigerung des Gewichtes des Diabetes und der Bright’sehen
Krankheit spiegelt das aus der allgemeinen Sterblichkeits-
Statistik schon bekannte Bild deutlich wieder. Man kann es
dahin gestellt sein lassen, ob diese beiden Krankheiten über
haupt erst in neuerer Zeit in Europa aufgetreten sind —
als selbständige Krankheiten beobachtet werden sie jedenfalls
erst seit einigen Jahrzehnten und zwar mit jedem Jahrzehnt
in häufigeren Fällen. Möglich, dass die chemische, mikro
skopische und mikrochemische Analyse jetzt manche Erkrankung
auf jene organischen Veränderungen und Functionsstörungen,
welche als Diabetes oder als Bright’sche Krankheit bezeichnet
werden, zurückführt, während früher die gleiche Erkrankung
ganz anders diagnosticirt wurde. Aber unverkennbar sind sie
auch, seit man sich über ihre Symptomatologie und Diagnose
verständigt hat, im Zunehmen begriffen ; sie sind Feinde, denen
die Lebensversicherung die grösste Aufmerksamkeit widmen muss.
Die asiatische Cholera, welche der Bank überhaupt
nur in 23 von 50 Jahren Sterbefälle, und, etwa vom Jahre
i860 abgesehen, wo 93 Cholera-Sterbefälle vorkamen, niemals
eine grosse Zahl von Sterbefällen gebracht hat, hat auch ihr