Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

923

Industrielle  Entwickelung  der  wichtigsten  Staaten.

noch  recht  ursprüngliche  Formen,  und  die  industrielle  Bevölkerung  ist  im  Vergleich  zu
der  von  der  Landwirtschaft  ernährten  eine  geringe.  Ein  ziemlich  zutreffendes  Beispiel
hiefür  bildet  Ungarn.  Nach  der  Zählung  von  1890  waren  hier  nur  1  210  473  Personen
oder  6,9  °/ 0  der  Bevölkerung  gewerblich  thätig,  während  in  Deutschland  das  Gewerbe
über  10 1 / 4  Millionen,  das  ist  etwa  den  fünften  Teil  des  deutschen  Volkes  beschäftigt.
Unter  der  Gewerbethätigkeit  selbst  nehmen  die  Wandergewerbe,  die  Haus-  und  Volksindustrie ­
  einen  breiten  Raum  ein.  Man  zählte  im  Bergbau-  und  Hüttenwesen,  einschließlich ­
  der  Steinbrüche,  Kalk-  und  Zementbrennereien  48  412,  in  der  Industrie  und
im  Gewerbe  913  010,  im  Handel  und  Verkehr  242  051  Personen,  wobei  von  den  in  der
Industrie  beschäftigten  44  264  auf  die  Volks-  und  Hausindustrie  und  die  Wandergewerbe
entfallen.  Selbstverständlich  überwiegt  auch  in  der  eigentlichen  Industrie  der  Kleinbetrieb
weitaus.  Fast  die  Hälfte  aller  darin  thätigen  Personen  sind  selbständige  Unternehmer.
Großindustrielle  Unternehmungen  gibt  es  im  ganzen  1244  mit  112  345  Arbeitern,  von
denen  136  das  ist  10,9  °/ 0  mit  17  830  Arbeitern  in  den  Händen  ausländischer  Unternehmer ­
  sind.  Hauptsächlich  vertreten  sind  unter  der  ungarischen  Fabrikindnstrie  außer
den  landwirtschaftlichen  Gewerben  (Zuckerfabrikativn,  Spiritusbrennerei  und  Großmüllerei)
die  Eisen-  und  Maschinenindustrie  und  die  Textilindustrie.
Inmitten  der  Agrarstaaten  des  Ostens  und  den  Industriestaaten  des  Westens  steht
in  seiner  industriellen  Entwickelung  Österreich.  Während  die  Bukowina  und  Galizien
osteuropäische  Verhältnisse  zeigen  und  auch  in  der  Mehrzahl  der  österreichischen  Alpenländer
landwirtschaftliche  Interessen  alle  anderen  weit  überwiegen,  haben  die  von  Deutschen  bewohnten ­
  nördlichen  und  nordwestlichen  Teile  Böhmens  eine  Stufe  industrieller  Entwickelung ­
  erreicht,  die  einen  Vergleich  mit  den  benachbarten  Gegenden  Deutschlands  gestatten,
und  außerdem  besitzen  auch  Wien  und  das  südliche  Niederösterreich,  Mähren,  Schlesien  und
das  eisenreiche  Obersteiermark  eine  entwickelte  Industrie.  Im  übrigen  sei  bei  dem  Mangel
gewerbestatistischer  Daten  auf  die  oben  mitgeteilten  Zahlen  der  Berufsstatistik  verwiesen.
Für  die  Schweiz  liegen  Angaben  nur  über  die  Zahl  der  Fabrikbetriebe  vor.  Als
solche  werden  betrachtet  alle  Betriebe  mit  mehr  als  zehn  Arbeitern  und  außerdem  noch
die  Betriebe  mit  mehr  als  fünf  Arbeitern,  welche  einen  Motor  verwenden  oder  jugendliche ­
  Arbeiter  beschäftigen,  sowie  jene  Betriebe,  die  gewisse  Gefahren  für  Leib  oder  Gesundheit ­
  mit  sich  bringen.  Die  Gesamtzahl  dieser  Betriebe  betrug  im  Jahre  1895
4933  mit  zusammen  200  199  Arbeitern.  3303  Unternehmungen  verwendeten  Motoren
mit  einer  Gesamtleistung  von  152  718  Pferdestärken.  Infolge  des  großen  Reichtums
der  Schweiz  an  natürlichen  Wasserläufen  werden  dabei  zumeist  Wassermotoren  verwendet,
während  in  Deutschland  die  Dampfkraft  in  erster  Reihe  steht.  Bon  den  einzelnen  Industriezweigen ­
  ist  am  zahlreichsten  die  Textilindustrie  vertreten;  sie  umfaßt  etwa  ein  Drittel
aller  gezählten  Unternehmungen  und  nahezu  die  Hälfte  aller  Fabrikarbeiter.  Unter  ihnen
kommen  hauptsächlich  die  Seidenindustrie  mit  143  Unternehmern  und  23  367  Arbeitern,
die  in  der  Ostschweiz  großenteils  als  Hausindustrie  betriebene  Maschinenstickerei  mit  814
Unternehmungen  mit  11  721  Arbeitern,  die  Baumwollspinnerei  mit  103  Unternehmungen
und  11  600  Arbeitern  und  die  Baumwollweberei  mit  128  Unternehmungen  und  15  406
Arbeitern  in  Betracht.  Außerdem  besitzen  noch  als  Exportindustrien  die  Maschinenindustrie
(396  Betriebe  mit  23  921  Arbeitern),  die  Uhrenfabrikation  (463  Unternehmungen  mit
15442  Arbeitern),  die  Schuhfabrikation  und  die  Tabakindustrie  hervorragende  Bedeutung.
Der  durchschnittliche  Umfang  der  Betriebe  ist  geringer,  der  fabriksmäßige  Großbetrieb  nicht
so  stark  ausgebildet  wie  im  Deutschen  Reich,  obwohl  die  Gesamtindustrie  in  beiden  Ländern
ungefähr  gleich  stark  entfaltet  ist;  nahezu  ein  Drittel  aller  Schweizer  Fabriken  zählt  weniger
als  zehn  Arbeiter.  Unter  den  Betrieben  mit  mehr  als  500  Arbeitern  —  23  an  der  Zahl
—  gehören  nur  5,7  der  Bevölkerung  als  Arbeiter  an,  während  in  Deutschland  535  derartige ­
  Großbetriebe  8,6  °/ 0  der  Gesamtbevölkerung  in  sich  vereinen.
Für  Frankreich  können,  obwohl  es  nach  England,  Deutschland  und  den  Vereinigten ­
  Staaten  der  größte  Industriestaat  ist,  keine  näheren  Angaben  gemacht  werden,  da
die  Berufs-  und  Gewerbezählung  von  1896  noch  nicht  vollständig  erschienen  ist  und
ältere  Angaben  nicht  verwertbar  sind.

116*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.