Internationale Rundschau der Arbeit
S&. Die gemeinsamen Arbeitseinstellungen
In dem auf diese Frage bezüglichen Teile der Untersuchung
sind nach Möglichkeit die Statistiken der Ausstände und Aus-
sperrungen besonders behandelt, doch mußte man, um den Ver-
gleich auch auf solche Länder ausdehnen zu können, die getrennte
Zahlen für beide Arten von Arbeitsstreitigkeiten nicht veröffent-
lichen, die auf die Arbeitseinstellungen im Allgemeinen bezüglichen
Statistiken heranziehen. In jedem einzelnen Falle sind nach-
einander untersucht worden: a) die Zahl der Arbeitsstreitigkeiten
(Ausstände, Aussperrungen oder auch Ausstände und Aussper-
rungen zugleich), b) die Zahl der an den Arbeitsstreitigkeiten
beteiligten Arbeiter, c) die Zahl der durch diese verloren gegangenen
Arbeitstage. Soweit das irgend möglich war, erstreckt sich der
Vergleich auch auf den Durchschnitt des letzten Jahrfünfts der
Vorkriegszeit (1909—1913) und auf jedes einzelne Jahr des Zeit-
raumes 1914—1922,
An dieser Stelle kann auf alle Einzelheiten der Ergebnisse
dieser Untersuchung nicht eingegangen werden. Kurz seien nur
vier große Bewegungen angedeutet: der starke Rückgang der
Arbeitseinstellungen in den ersten Kriegsjahren, eine Wieder-
belebung der Ausstands- und Aussperrungsbewegung in den
Jahren 1917 und 1918, der gewaltige Ausbruch von Arbeits-
streitigkeiten, besonders von Ausständen, unmittelbar nach dem
Kriege in den Jahren 1919 und 1920, und schließlich, wenn man
von einigen Ausnahmen absieht, wiederum ein erhebliches Nach-
lassen der Arbeitseinstellungen, vornehmlich der Ausstände, im
Verlaufe des folgenden Zeitraumes, der durch den wirtschaftlichen
Niedergang beherrscht wurde.
Wenn man sich von der Produktionskrise unmittelbar nach
dem Kriege Rechenschaft geben will, so muß man auf gewisse
Zahlen zurückgreifen, wie z. B. die Zahl der Streikenden, die in
Deutschland 1919 achteinhalbmal so groß war als während des
letzten Jahrfünfts vor dem Kriege, in Belgien viermal, in Frank-
reich fünfmal, in Italien fünfmal, in den Niederlanden viermal,
in der Schweiz zweimal, in Spanien viermal und in Chile zwei-
einhalbmal so groß als damals; die Zahl der an Ausständen und
Aussperrungen beteiligten Arbeiter war im gleichen Jahre im
Vereinigten Königreiche und in Dänemark fast dreimal, in den
Niederlanden fast viermal und in Kanada fast fünfmal so groß
als in dem schon erwähnten Zeitraume der Vorkriegszeit.
9. Die Arbeitslosigkeit
Neben den freiwilligen Arbeitsunterbrechungen (Ausstände,
Aussperrungen) muß natürlich eine Untersuchung der für die
Produktionskrise etwa in Frage kommenden Faktoren auch die
unfreiwillige Arbeitsunterbrechung, also die Arbeitslosigkeit, er-
fassen. Allerdings kann die zwischen diesen beiden Tatsachen-
reihen bestehende Analogie über die zwischen ihnen bestehenden
wesentlichen Unterschiede nicht hinwegtäuschen. Zunächst
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