Full text: Theorie der forstlichen Oekonomik

14 Produktionsfaktoren der Forstwirtschaft. 
Cine weitere Besonderheit des Holzvorrats als lebenden Produtktiv- 
kapitals ist die, daß er bis zum Augenblick der Ernte untrennbar mit dem 
Boden verbunden ist. Diese Verbindung äußert sich in einer außerordentlich 
tiefgehenden Wechselwirkung, die Boden und Holzbestand aufeinander aus- 
üben. Es wurde schon darauf hingewiesen:), daß Höchstleistungen nur 
auf einem ge sund en Waldboden zu erwarten sind; gesund aber 
bleibt der Waldboden nur, wenn ein standortgemäßer Holzbestand in 
biologisch günstiger Verfassung auf ihm stockt. Möller?) hat für die innige 
Lebensgemeinschaft von Bestand und Boden einschließlich der in ihnen 
wirksamen Welt von höheren und niederen Lebewesen die Bezeichnung 
„Das Waldwess en“ geprägt; er ging so weit, den Wald als einen 
Or g ani s mu s aufzufassen. 
Eine dritte Eigentümlichkeit des Holzvorratskapitals besteht darin, daß 
es in einem auß eror d entlich langen Zeitraume umläuft; 
abgesehen vom Niederwalde überdauert der einzelne Bestand bis zur Ernte 
mehrere Menschenalter. Wer ein Stück Land aufforstet, ist sich klar dar- 
über, daß er selbst kaum mehr Erträge davon gewinnen wird. Dieser lange 
Zeitraum hat zur Folge, daß jede forstliche Rentabilitätsrechnung auf sehr 
schwachen Füßen steht; wir kennen weder den Preis, den das Holz in 
hundert Jahren erzielen wird, noch wissen wir, welcher Zinsfuß bis dahin 
maßgebend sein wird. 
Die Produktivität des Holzvorratskapitals, die teils durch die in ihm 
verkörperten Naturkräfte, teils durch die äußeren Einwirkungen des 
Standorts zustandekommt, tritt in Erscheinung durch die j äh r li ch e A n- 
lage eines Tahrring s an jedem lebenden Stamme. Die Gesamt- 
heit dieser Jahrringe bildet den lauf enden Massenzuwachs 
des Holzvorrats. Setzen wir den Fall, daß das Holzvorrats- 
kapital in seiner Höhe der Absicht des Wirtschafters gerade entspricht 
und in dieser Höhe erhalten bleiben soll, so wird die jährliche Holz - 
ernte genau gleich dem jährlichen Massenzuwachs sein müssen. Aus 
der Tatsache, daß jedes einzelne Glied des Holzvorrats an der Bildung 
des Zuwachses beteiligt ist, und zwar jeder Bestand nach Bodengüte, Alter, 
Holzarten und Schlußgrad in anderer Weise, ergibt sich nun aber die 
außerordentliche Schwierigkeit der genauen Feststellung dieses Zuwachses. 
Daher wird in der Praxis die Nutzung meist nicht nach dem Zuwachs, 
') Vgl. S. 12. 
?) Oberforstmeister Möller, Kiefern-Dauerwaldwirtschaft, in der Zeitschr. 
f. Forst- und Iagdwesen, Januarheft 1920, S. 4.
	        
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