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Die Eisenbahnen.
Und welcher Art sind dabei die Wege, die das Dampfroß wählt! Bald durcheilt
es mit großen Lasten die sonnendnrchglänzten Fluren des Flachlandes, bald klettert es
schwer beladen an den Berglehnen entlang hoch in die Alpenwelt, in die Region der
Lawinen hinauf, der Gebirge breiten Rücken in langem Tunnel durchziehend. Bald
rasselt es über kühn geschwungene Viadukte und Brücken, tiefe Thäler, Ströme und
Schluchten überschreitend, oder es rollt auf langer Hochbahn über den Straßenverkehr
unserer Großstädte hin (Abb. 55 und 56). Es steigt hinab in der Erde Schoß und fährt
unter Straßen, Kirchen, Häusern, Docks und Flüssen her, oder erklimmt endlich der Berge
Gipfel, um der wanderlustigen Menschheit den mühelosen Anblick erhabenster Natur
schönheiten zu gewähren.
Wahrlich, vielseitig ist sein Weg, sein Nutzen und Zweck! Besonders nützlich haben
die Eisenbahnen in unserem deutschen, vielstaatlichen Vaterlande eingewirkt, denn sie durch
brachen zuerst die dichten Grenzzäune eines engherzigen Partikularismus, der vor wenigen
Jahrzehnten noch in so vielen Ländchen üppig wucherte, und halfen diesen damit glücklich
zu Falle zu bringen. Sie haben alte Vorurteile verschwinden lassen, die deutschen
Stämme wirksam einander näher gebracht und den Wunsch nach politischer Einheit da
durch lebendiger gestaltet. Goethe sagt schon in seinem Gespräch mit Eckermann 1828,
also noch zu einer Zeit, wo 36 verschiedenfarbige Grenzpfähle das deutsche Land in eben
so viele Gegensätze zerlegten: „Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde,
unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige thun." Nun,
sie haben das ihrige in der Vorbereitung zur Einigung gethan, deren Verwirklichung
freilich nur durch das unvergleichliche Walten Bismarcks und durch die glänzenden Er
folge der preußischen Heere auf den dänischen und böhmischen, später der deutschen Heere
auf den französischen Schlachtfeldern ermöglicht werden konnte.
Diese Einigung des deutschen Volkes war sodann rückwirkend wiederum fruchtbar
für dessen gesamte gewerbliche Verhältnisse, insbesondere auch für das Eisenbahnwesen.
Dieses erhielt teils infolge ungeahnter Verkehrssteigerung, teils auch aus strategischen
Gründen eine erhebliche Ausdehnung, begleitet von zahlreichen Verbesserungen seiner
Einrichtungen und Anlagen. Infolge des gewaltigen Aufschwunges auf allen Gebieten
seines Handels und Gewerbelebens und dank dem vielmaschigen, gut betriebenen Eisen
bahnnetze konnte Deutschland, reich an wissenschaftlich auf unseren technischen Hoch
schulen ausgebildeten Ingenieuren, Architekten und technischen Chemikern, auf dem Welt
märkte bald in Wettbewerb treten mit den älteren Jndustrievölkern, vor allem mit
England, dem Vaterlande der Dampfmaschinen und der Eisenbahnen. Vor 4 bis 5 Jahr
zehnten noch ein vorzugsweise ackerbautreibendes Volk, entsendet es heute seine gewerb
lichen Erzeugnisse, vor allem die der Chemie, Weberei und des Maschinenbaues nach
fünf Weltteilen. Die schnellsten Dampfschiffe, die jetzt die Meere unseres Erdballes durch
furchen, sind ans deutschem Material und auf deutschen Werften erbaut. Die deutschen
Eisenbahnen gehören, was Sicherheit des Betriebes, Pünktlichkeit der Züge und Be
quemlichkeiten für die Reisenden aller Gesellschaftsklassen anbelangt, unbestritten zu den
besten der Welt und haben das Urteil keines anderen Eisenbahnlandes zu scheuen.
Deutschlands Zukunft beruht zum wesentlichen Teil auf der weiteren Entwickelung seiner
Industrie und vor allem seiner Technik. Beide werden allgemein im 20. Jahrhundert
noch weit mehr als im vergangenen der Maßstab für die Größe eines Volkes sein.
Wer ist nun der eigentliche Schöpfer der Eisenbahnen, wer hat sie erfunden? Nach
Goethes treffendem Ausspruch ist Erfinden der Abschluß des Gesuchten. Die meisten
wichtigen Erfindungen sind niemals urplötzlich spruchreif entstanden, sondern haben sich,
auf vorangegangenen Bestrebungen ähnlicher Art nach und nach aufbauend, im Laufe
der Zeit ausgereift, bis sie endlich durch einen genialen Kopf zu einem zeitweisen Ab
schluß gebracht wurden. So haben sich auch die Eisenbahnen langsam und allmählich
aus den alten Holzbahnen der Kohlengegenden Englands entwickelt. (Vergl. näheres im
Abschnitt „Oberbau".) So ist vor allem die Lokomotive, die Seele des Eisenbahn
wesens, durch den unermüdlichen Erfindungssinn einer ganzen Anzahl von denkenden
Ingenieuren aus den bescheidensten Anfangsformen heraus zu ihrer heutigen hohen