Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Runst. 
Aber entschieden durchgeschlagen hat weder die norddeutsche 
noch die süddeutsche Bewegung. Die süddeutsche war gegen— 
über ihrer Schwester im Norden insofern im Nachteil, als ihr 
in den Alpen, die sie zunächst fast allein wiedergab, mehr 
eine Umriß- als eine Stimmungslandschaft zu Gebote stand, 
falls man unter einer Stimmungslandschaft eine Landschaft 
verschwindender Konturen, aber starker Beleuchtungserschei— 
nungen in Dunst und Nebel verstehen will, wie sie die 
Seeküsten des Nordens darbieten. Aber auch später, als in 
Süddeutschland Richtungen auftraten, die schon leise nicht 
bloß auf eine bessere Behandlung des Lichtes und einen 
stärkeren Realismus der Darstellung ausgingen, sondern der 
modernen Form der subjektivistischen Malerei, dem Impressio— 
nismus, näher traten, als Bürkel und Spitzweg in München 
malten, sind diese Richtungen doch für den Gesamtfortschritt 
zunächst unfruchtbar geblieben; noch in den dreißiger, ja 
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden ihre Leistungen 
als Erzeugnisse eines unkünstlerischen, unbegabten und gänzlich 
unorientierten Dilettantismus verachtet. Und von Hamburg 
aus ist wohl, etwa im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, 
die künstlerische Befruchtung einiger Akademien des Binnenlandes 
versucht worden, — der Hamburger Kaufmann hat sogar zumeist 
Bilder aus dem bayrischen Hochland gemalt: aber eine größere 
Wirkung ist auch von diesen Vorgängen nicht ausgegangen. 
Die herrschende Malerei war vielmehr zunächst die des 
Klassizismus und der Romantik. Diese Malerei aber hat 
die gemeinsame Entwicklungsgrundlage, daß sie Kunst— 
anschauungen verdankt wurde, die der herrschenden Renaissance 
entsprangen. 
Da hatte nun schon die ältere Renaissance des 16. Jahr— 
hunderts die deutsche Kunst im Grunde zum Absterben gebracht. 
Zwar in der Malerei, wo antike Vorbilder fehlten, war man 
eigene, nationale Wege gegangen, obwohl diese schließlich nur 
an einer Stelle zu dauernder Blüte geführt hatten: in Holland, 
da, wo sich vermöge der besonderen Lage des Landes der Anschluß 
der gesamten Kulturentwicklung an den Aufschwung West—
	        
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