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Bildende Kunst.
menschlichen Kunst, als die vollendetste Umgestaltung der Natur
in Kunst für alle Zeiten der Vergangenheit wie Zukunft. An
ihrem Kanon und Wesen begann man daher nicht bloß die
moderne Bildnerei, nein, fast noch mehr die moderne Malerei
zu messen. Weg mit der Farbe, — nur noch der Umriß gilt;
weg mit der Seene des Sittenbildes und weg erst recht mit der
Landschaft: nur die statuarische Haltung der Gestalten, nur
eine Malerei gleichsam im plastischen Flachbild entsprach jetzt
hohen künstlerischen Zielen.
Was mußten diese Lehren für die ermattete, fast schon zu
Boden gedrückte volkstümliche Kunst bedeuten! Sie stärkten
sie nicht oder läuterten sie zu rascherer und reicherer Durch—
bildung, so wie etwa verwandte Lehren gegenüber der nationalen
Dichtung gewirkt haben: sie erdrückten sie. Nun gingen
auch die letzten Erinnerungen fast an die einst so blühende
künstlerische Technik der heimischen Kunst verloren; man
„malte“ nur noch im bloßen Umriß, mit dem Zeichenstift und
höchstens unter verstohlener Zulassung der Contrebande der
Farben; man schraubte sich künstlich zurück auf den entwicklungs—
geschichtlichen Standpunkt etwa des 14. und 15. Jahrhunderts.
Was demnach die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts wenigstens
in der Malerei zunächst werden mußte, war klar: ein freilich
von modernen Elementen durchsetzter Wiederholungskurs der
Leistungen des 14. bis 18. Jahrhunderts.
Nur in ganz allgemeinen, darum abkürzenden und hier
und da zu entschieden zugreifenden Zügen überschauen wir den
Verlauf dieses Kurses.
Er beginnt wie billig mit einer rein zeichnenden Kunst
antik⸗-bildnerischen Stils und anfangs zumeist auch antiken
Inhalts. Der Meister dieses Stils war Carstens (1754-98).
Dann folgten, innerhalb dieses Stiles, doch unter stärkerer
Hinzunahme der Farben, die sich je länger je weniger umgehen
ließen, die klassizistischen Landschafter: Idealisten einer aus typi—
sierten Kulissen zusammengesetzten und ins Ganze durch—
komponierten Landschaft: Koch, Rottmann, Preller. Der letzte
hedeutende Klassizist war Genelli (1798 -1868).