Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
menschlichen Kunst, als die vollendetste Umgestaltung der Natur 
in Kunst für alle Zeiten der Vergangenheit wie Zukunft. An 
ihrem Kanon und Wesen begann man daher nicht bloß die 
moderne Bildnerei, nein, fast noch mehr die moderne Malerei 
zu messen. Weg mit der Farbe, — nur noch der Umriß gilt; 
weg mit der Seene des Sittenbildes und weg erst recht mit der 
Landschaft: nur die statuarische Haltung der Gestalten, nur 
eine Malerei gleichsam im plastischen Flachbild entsprach jetzt 
hohen künstlerischen Zielen. 
Was mußten diese Lehren für die ermattete, fast schon zu 
Boden gedrückte volkstümliche Kunst bedeuten! Sie stärkten 
sie nicht oder läuterten sie zu rascherer und reicherer Durch— 
bildung, so wie etwa verwandte Lehren gegenüber der nationalen 
Dichtung gewirkt haben: sie erdrückten sie. Nun gingen 
auch die letzten Erinnerungen fast an die einst so blühende 
künstlerische Technik der heimischen Kunst verloren; man 
„malte“ nur noch im bloßen Umriß, mit dem Zeichenstift und 
höchstens unter verstohlener Zulassung der Contrebande der 
Farben; man schraubte sich künstlich zurück auf den entwicklungs— 
geschichtlichen Standpunkt etwa des 14. und 15. Jahrhunderts. 
Was demnach die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts wenigstens 
in der Malerei zunächst werden mußte, war klar: ein freilich 
von modernen Elementen durchsetzter Wiederholungskurs der 
Leistungen des 14. bis 18. Jahrhunderts. 
Nur in ganz allgemeinen, darum abkürzenden und hier 
und da zu entschieden zugreifenden Zügen überschauen wir den 
Verlauf dieses Kurses. 
Er beginnt wie billig mit einer rein zeichnenden Kunst 
antik⸗-bildnerischen Stils und anfangs zumeist auch antiken 
Inhalts. Der Meister dieses Stils war Carstens (1754-98). 
Dann folgten, innerhalb dieses Stiles, doch unter stärkerer 
Hinzunahme der Farben, die sich je länger je weniger umgehen 
ließen, die klassizistischen Landschafter: Idealisten einer aus typi— 
sierten Kulissen zusammengesetzten und ins Ganze durch— 
komponierten Landschaft: Koch, Rottmann, Preller. Der letzte 
hedeutende Klassizist war Genelli (1798 -1868).
	        
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