7. Friedrich List. Charakteristik.
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7. Friedrich Lift. Charakteristik.
Von Ludwig Läusser.
Ljäusser, Friedrich Lifts Leben. In: Friedrich Lifts gesammelte Schriften, herausgegeben
von kjäuffer. {. Teil. Stuttgart und Tübingen, I. G. Lotta, fsso. S. -toz—408.
Friedrich List ist der erste Mann in Deutschland, der ohne Amt, ohne Titel,
ohne offizielle und gelehrte Gevatterschaft allein durch die Anerschöpflichkeit seiner geistigen
Mittel, die zähe Kraft seines Willens, die populäre, eindringliche, beredte Gabe seines
Wortes sich eine selbständige Macht erschuf, — ein Beginnen, das in jedem andern
Lande schwer, in Deutschland aber ganz ohne Vorgang war. Er wurde zu einer
Macht, die bei aller seiner persönlichen Isolierung über Blätter, Parteien, gesetzgebende
Versantmlungen gebot, die den alten Schlendrian der Bureaus und Kontors in Auf
regung brachte, Ministerien beunruhigte und diplomatische Korrespondenzen beschäftigte.
Es verband sich in ihm, um dies Ziel zu erreichen, ein Angestüm und eine Leftigkeit des
Strebens mit einer Geduld des Ausharrens, wie sich selten zwei solche Gegensätze in
einer Natur zusammenfinden. Unermüdlich hämmerte er auf dasselbe Ziel los, faßte
denselben Gedanken an hundert verschiedenen Punkten auf und besaß in einer zerfahrenen
und zersplitterten Zeit die ungeinein seltene Eigenschaft, sich auf ein Ziel mit der ganzen
Kraft seines Geistes zu konzentrieren und der einen Grundidee, die ihn erfüllte, die
ganze Tätigkeit seines Lebens zu widmen. In unserer, an öffentlichen Charakteren nicht
überreichen Zeit war eine so kraftvolle, scharf ausgeprägte Persönlichkeit etwas doppelt
Schätzenswertes, zumal wenn sie, wie hier, einem großen nationalen Zwecke mit der
ganzen idealistischen Sclbstvergessenheit und Aneigennützigkeit einer deutschen Natur
sich hingab.
Aber freilich lag gerade darin ein natürlicher Grund des Widerstandes und der
Verkennung. Eine handelnde Persönlichkeit war ohnedies in Deutschland etwas Lin-
gewöhnliches; wenn sie nun gar gegen alles Herkommen und alle Äberlieferungen der
Schreibstuben und Schulzimmer grob verstieß, so war des Ärgers und Widerspruchs
kein Ende. Daß ein deutscher Gelehrter sich einem öffentlichen Interesse mit ganzer
Seele hingab und ein praktisches Ziel auf dem Gebiete der materiellen Dinge sich als
sein Ideal vorgesetzt hatte, war etwas so Ungewöhnliches und Unverstandenes in Deutsch
land, daß man lieber mit dem ordinärsten Maßstabe maß und die gemeinsten Motive
unterlegte, als daß man sich das Angewöhnliche und Bedeutende der Erscheinung ein
gestanden hätte. Auch billig Denkende klagten über Einseitigkeit, als weitn eine Agitation
anders als einseitig wirken könnte; uitd ruhige, friedliebende Leute tadelten, daß er so
heftig nach allen Seiten hin auftrat und nirgends bedacht war, sich Freunde und Ver
bündete zu werben. Alle demagogischen Künste und Kunstgriffe freilich verschmähte
seine Agitation; es war darin der direkte Gegensatz der Demagogie gewöhnlichen
Schlags: er schalt, statt zu schmeicheln, zürnte, statt zu liebkosen, und sehte sich — statt
den Schwächen zu fröhnen — denjenigen Übeln Gewohnheiten, die in der deutschen
Nation am tiefsten gewurzelt waren, am lautesten und schroffsten entgegen. Mit allen:
Recht; denn wie schon bei seinem Tode jemand sehr treffend sagte, die Hebel, welche
die Masse beweget:, sind nicht mit Baumwolle gefüttert. Aber auch das kluge Maß
der Schonung und Vorsicht, das die Worte abwägt und überall um des versöhnenden
Eindrucks tvillei: die Kraft des Stoßes mildert, kannte List nicht und konnte es nicht
kennen. Seine Bildung war eine autodidaktische; die Stellung im Leben hatte er sich
allein errungen. Aus der Leimat in die Verbannung geschleudert, schuf er sich mit
rüstiger Kraft ein neues selbständiges Leben; und als ihm auch das zerstört war, er
rang er sich eine neue Existenz, immer im Kampfe und unter Anfechtungen, lediglich