Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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Die von den Straßen und Gassen verscheuchte und in lichtlose 
Winkel gedrängte Prostitution büßte natürlich sehr wenig von ihrer 
wirklichen Gefährlichkeit ein; denn sie blieb ihres giftigen Stachels 
unberaubt und fuhr fort, die Gesellschaft venerisch zu verseuchen. 
Die Polizei holte daher in ihrer Fehde gegen die Prostitution zu 
einem neuen Streiche aus: sie suchte dem Prostitutionsberkehr seine 
mörderische, die Volksgesundheit vergiftende Kraft durch Einführung 
einer sanitären Kontrolle über die sich preisgebenden Frauen und 
Mädchen zu nehmen. 
Die Prostitution sollte nicht mehr, um im Gleichnis zu reden, 
„Unter den Linden" grüßen und locken. Zu Hause konnte sich das 
schöne Kind ungebunden austoben. Fort mit der Prostitution von 
der Oberfläche der Gesellschaft, das war natürlich ein sehr ober 
flächliches Kampfprogramm der Polizei. Aber — man sei gerecht 
— was konnte denn eigentlich die Polizei mit Geboten und Ver 
boten gegen die Prostitution ausrichten? Da, wo man nach dem 
Sozialpolitiker und dem Sozialpädagogcn mit ganzer Lungenkraft 
schreien mutzte, rief man nach dem Büttel. 
Welche Schritte tat nun die Polizei gegen die aufdringliche, die 
soziale Sitte korrumpierende Prostitution? Sie erließ zu diesem 
Zweck drei voneinander abweichende Maßnahmen: 
1. Sie suchte die Prostitution in einige geduldete Häuser 
hineinzuvcrlegen, um die Prostitution dort vollständig überwache» 
zu können. Sie konzessionierte Bordelle und ließ nur in diesen 
Bordellen den Geschlechtsverkehr zu. 
2. Sie verlegte die Prostitution in einige wenige Straßen. 
Sie kasernierte dort die Prostitution. 
8. Sie gestattete den Prostituierten ein ziemlich freies Wohnen 
und wies sie nur aus einigen belebten Verkehrsstraßen und aus der 
Nähe von öffentlichen Gebäuden, von Kirchen, Schulen usw. fort. 
Sie verbot ihnen das auffällige Promenieren in den Straßen mit 
lebhaftem Verkehr. 
Rach der Umfrage, welche die „Gesellschaft zur Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten" an die deutschen Stadt- und Polizeiver- 
waltungcn zur Feststellung der Wohnungsverhältnisse der Pro 
stituierten richtete, existierten Bordelle in Mainz, Magdeburg, 
Altona, Kiel, Nürnberg, Worms, Freiburg i. Br., Leipzig, Regens 
burg. Die Liste der Bordelle ist natürlich nicht vollständig. Es 
befinden sich noch Bordelle in: Hamburg, Augsburg, Bamberg, 
Bayreuth, Bremerhaven, Fürth, Hagenau, Meerane i. S., Meißen, 
Memel, Metz, Reichenbach i. V., Worms, Mannheim. 
In Freiburg i. Br. wurde nach einem Bericht des Stadtrates 
an die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank 
heiten" „mit Zustimmung der großherzogl. Staatsbehörde in einem 
an der äußersten Peripherie der Stadt gelegenen Hause ein öffent 
liches Bordell von einem hierfür geeigneten polizeilich einwands-
	        
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