- Anuang
Wir wissen bereits, daß Tugan-Baranowsky eine Proportionali-
tät zwischen dem Grenznutzen und Arbeitswert eines Gutes statu-
iert. Der Arbeitswert läßt sich aber in doppelter Weise auffassen:
als eine gesellschaftliche Kategorie (eine derartige Auffassung ist
die einzig richtige, wenn man eine kapitalistische
Wirtschaft betrachtet) und als eine individualistische Kategorie.
Es ist klar, daß der Arbeitswert im ersten Sinne sich nicht in ein
direktes Verhältnis zum Grenznutzen bringen läßt: es sind zwei
Größen, die prinzipiell nichts Gemeinsames haben können,
da sie in ganz verschiedener Ebene liegen. Zu behaupten, daß eine
Größe, die überhaupt nur auf dem Gebiete der individua-
listischen Wirtschaft Platz findet, einer anderen, die nur auf
dem Gebiete der Gesellschafts wirtschaft vorkommt, propor-
tional ist, dies ist, als wenn man „Telegraphenstangen auf Pocken
impfen wollte“.
Und so sehen wir, daß eine rich tige Auffassung der Arbeits-
werlttheorie gerade zu dem Schluß führt, daß zwischen ihr und der
Grenznutzentheorie ein voller Gegensatz besteht. Es bleibt noch
die Verbindung dessinnwidrigen Begriffs des Arbeitswertes,
als der Kategorie einer individualistischen Wirtschaft,
mit dem Grenznutzenbegriff. Dies tut auch Tugan-Baranowsky.
Dadurch wird freilich seine Theorie nicht besser: sie fällt in sich
sofort zusammen, sobald wir versuchen, sie mit der kapitalistischen
Wirklichkeit zu vergleichen. Es ergibt sich dabei ungefähr dieselbe
Geschichte, wie bei den Vertretern der österreichischen Schule.
Die Sache geht so ziemlich glatt, so lange man sich im Interessen-
bereich des wirtschaftenden Robinson bewegt und — bewußt oder
unbewußt — abseits der kapitalistischen Beziehungen bleibt. So-
bald wir aber an Beziehungen herantreten, die die politische Oeko-
nomie zu erklären berufen ist (was auch die Ansicht von Tugan
ist), so wird die Theorie zu Schall und Rauch.
Ehe wir schließen, noch eine Bemerkung. Die ganze Theorie
Tugan-Baranowskys bezieht sich auf Wirtschaften, die Ware
produzieren. Dies unterscheidet ihn vorteilhaft von den reinen
Grenznützlern, die zu vergessen scheinen, daß die Ware nicht vom
Himmel fällt, sondern produziert werden muß. Sind es doch ge-
rade produzierende Wirtschaften, für die Tugan-Bara-
nowsky seine „Proportionalität‘“ wissen will. Darüber noch eine
Stelle aus dem zweiten Teil seines Buches:
„Wir müssen — sagt er — uns an die realen wirtschaftlichen
Beziehungen halten, unter denen der Preis in der modernen kapi-
talistischen Wirtschaft zustande kommt. Wir dürfen nicht an-
nehmen, wie dies beispielsweise Böhm-Bawerk tut, daß der Ver-
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