202 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
zu seinem Werke Stellung zu finden wußte. Es war eine
enthusiastische Annäherung an den Gedankenkreis der religiösen
Opposition, ein grandioser Versuch, an der kirchlichen Neuerung
persönlich Anteil zu gewinnen.
Er ist mißlungen. In Wittenberg erkannte man früh,
was den Ritter für immer von der Reformation scheiden
werde — was lag ihm ferner, als die Beugung seines
herrischen Ichs unter die Idee der Rechtfertigung durch den
Glauben; wie entgegengesetzt dachte er über das reformatorische
Prinzip des leidenden Gehorsams gegenüber der Obrigkeit!
Einsam, vom Reiche verstoßen, der mißglückten Bewegung
des Adels zugethan, innerlich fremd dem sieghaften Vordringen
des Evangeliums, ist Hutten Ende August 1523 verschieden.
Hutten war der letzte große Humanist, so viele Führer
der Bewegung ihn überlebt haben. Was Ziel der humanistischen
Bewegung sein konnte, war um die Zeit seines Todes erreicht:
die Nation hatte die klassische Bildung der Alten aufgenommen,
soweit sie ihr Stütze zur Erreichung und Erhaltung individua—
listischer Kultur sein konnte. In dieser Richtung galt es jetzt
nur noch, die eingeleitete Bewegung zu sichern und zu pflegen.
Abgelehnt aber mußte ein weiteres werden: das volle Auf⸗
gehen der begabtesten Söhne der Nation in die Utopie einer
grundsätzlichen Renaissance. Schon Hutten mit seiner deutschen
Natur hat die Gefahr mehr wie andere beseitigen helfen; sein
politisches und soziales, sein nationales und religiöses Interesse
verhinderte ihn, in der formalen Pflege klassischer Erinne—
rungen wesenlos zu zerrinnen. Indem aber Hutten sich furcht—
los und tapfer auf diesen Standpunkt stellte, wies er über den
Humanismus hinaus in die Zukunftsfragen seines Volkes.
Es ging ihm auf, daß wahre persönliche Freiheit und damit
auch wahrer Humanismus dauernd nicht werde bestehen können
ohne völlige Lösung des Geistes vom Systeme der mittelalter—
lichen Kirche: daß eine religiöse Umwälzung die individualistische
Bewegung der Geister krönen und festigen müsse. Darum
jauchzte er Luther zu, und sterbend noch sah er in das freund—
liche und ihm doch so fremde Land zukünftiger geistiger Freiheit.