Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
Spannungsgefühlen diesmal nicht erst auf der höheren Stufe 
des spezifischen musikalischen Stimmungsgehaltes eintrat, sondern 
durchaus schon in dem Tonmaterial selbst, den Bausteinen gleich⸗ 
sam des musikalischen Gebäudes beschlossen lag. Denn gewiß ist 
es etwas anderes, ob ich Dissonanzen — und ihre Folge: Span— 
nungsgefühle — grundsätzlich und ständig schon in der Struktur, 
dem Korper der Musik empfinde, oder ob ich, bei Durchbildung 
dieser Struktur ohne Einschluß von Spannungserregung, Disso⸗ 
nanzen nur dann fühle, wenn einer besonders disharmonischen 
Stimmung gelegentlich Ausdruck gegeben werden soll. Im 
letzteren Falle wird es zu einer vorübergehenden, im ersteren 
zu einer ständigen Bildung von Spannungsgefühlen kommen. 
Eben das letztere war nun in der neuen Kunst der Fall; es 
schien, als sollte sich der Strom eines neuen Tonsystems er⸗ 
gießen, zu dessen künstlerischem Durchleben es viel feinerer 
Nerven — und an erster Stelle der Nerven überhaupt — 
bedürfe; und jedenfalls wurden die äußersten Gebiete des be— 
stehenden Tonsystems mit einem nie rastenden Mute extremen 
technischen Versuchens abgesucht. 
Trotz alledem ist das speziell musikalische Publikum, ja in 
einigen Richtungen auch schon die größte Offentlichkeit der 
neuen Kunst gefolgt. Heute steht es fest: es ist eine erhöhte Auf—⸗ 
nahmefähigkeit der Nerven für musikalische Eindrücke nach ihrer 
Abschattierung wie nach ihrem Zusammenklang und ihrer Auf⸗ 
einanderfolge gewonnen, das Feld der zur Vorstellung ge⸗ 
langenden Nervenreize ist also nach Seiten hin erweitert, die 
bis dahin unangebaut lagen: tausend neue Empfindungs⸗ 
nüancen vor allem, und namentlich wieder Nuancen im Gebiet 
des Schwebend⸗Atherischen, Geheimnisvollen, Ahnungsreichen, 
Nervös⸗Schmerzlichen sind uns zugänglich geworden. Hier liegen 
die Haupttrümpfe der neuen Kunst. 
Indem nun aber von vornherein, und wie sich zeigte, mit 
Recht mit einer erhöhten musikalischen Reizbarkeit und Auf⸗ 
nahmefähigkeit auch der Hörenden gerechnet wurde, veränderten 
sich zugleich die Grenzen der musikalischen Formen, innerhalb
	        
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