$ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. I
Arbeitslohn als das „Residuum“‘ aufgefaßt wird, das vom Produktions-
ergebnis übrigbleibt, nachdem die Unternehmer und die Besitzer
des Bodens und des Kapitals den ihnen gebührenden Anteil bekommen
haben?!). Wenn eine solche Residualtheorie überhaupt einen Sinn
haben soll, muß sie voraussetzen, daß die Anteile der übrigen Produk-
tionsfaktoren selbständig bestimmt werden können, bevor das Residuum
selbst bestimmt wird. Nach unseren Untersuchungen über das Wesen
des allgemeinen Preisbildungsprozesses ist eine solche Voraussetzung
ausgeschlossen. In der Wirklichkeit sind alle Produktionsfaktoren im
Preisbildungsprozesse gleichgestellt, ihre Anteile am Gesamtprodukt
werden gleichzeitig unter Zusammenwirken aller gegebenen Faktoren
der Preisbildung bestimmt. Nur der reine Unternehmergewinn, der
überhaupt nicht als ein normaler Preis für die Mitwirkung eines Pro-
duktionsfaktors aufzufassen ist, könnte möglicherweise als ein Residual-
einkommen bezeichnet werden ?).
Bei der weiteren Ausbildung der Theorie der Produktivität der
Arbeit als Bestimmungsgrund des Arbeitslohns stößt man auch auf die
Schwierigkeit, daß in der Wirklichkeit eine Steigerung des Produkts,
die durch eine Vermehrung der Arbeitsleistungen erreicht wird, nicht
notwendig in ihrem Grundbetrage der Arbeit als Lohn zufällt, sondern
im allgemeinen auch den übrigen Produktionsfaktoren zugute kommt.
Im allgemeinen entsteht durch eine Steigerung der Arbeitsleistung
eine neue Marktlage mit relativ stärkerer Nachfrage nach den übrigen
Produktionsfaktoren und also mit einer relativ schlechteren Stellung
für die Arbeit. Die Arbeit vermag dann nicht den vollen Mehrertrag
der Produktion für sich zu behalten. Der Arbeitslohn hängt also nicht
bloß von der Arbeit selbst ab, sondern auch von den übrigen Pro-
duktionsfaktoren, überhaupt von der relativen Versorgung der Tausch-
wirtschaft mit den verschiedenen Produktionsfaktoren, mit einem Worte
von der Marktlage. Die Produktivität der Arbeit ist also kein objektiver,
allein durch die Natur der Arbeit bestimmter Faktor und ist demnach
jedenfalls nicht in solchem Sinne als Bestimmungsgrund des Arbeits-
lohns aufzufassen, Mit der Feststellung dieser Tatsache verliert die
Produktivitätstheorie ihre unmittelbare theoretische Einfachheit und
praktische Verwendbarkeit.
Einer weiteren Ausbildung der Produktivitätstheorie hat die neuere
Ökonomie dadurch nachgestrebt, daß sie den Anteil jedes einzelnen ein-
heitlichen Produktionsmittels am Produktionsergebnis durch Bestim-
mung seiner ‚‚Grenzproduktivität‘ zu ermitteln gesucht hat. Dieses
») Vgl. Jevons: Theory of political economy. London 1879, p. 292—296.
„Every labourer ultimately receives the due value of his produce after paying a
proper fraction to the capitalist for the renumeration of abstinence and risk.“
Walker: Political Economy. 3° Ed. London 1889. Ch. V.
?) Vgl. Clark: Distribution of Wealth, Newyork 1908, p. 204.
287}