46H VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
„Traditionalismus“" um ein Wort, das geeignet ist, Bildung
klarer Vorstellungen zu verhindern. Wir haben uns davon
überzeugt, daß im Erwerbsstreben nur ein quantitativer Unter-
schied zwischen alter Zeit und der des Kapitalismus besteht,
daß die „Bedarfsdeckungswirtschaft“ nicht das Kennzeichen des
Mittelalters ist, daß die mittelalterlichen Menschen in der Praxis
Zins zu nehmen und zu geben nicht ablehnten. Die Herrschaft
der alten Zinslehre oder ihre Beseitigung kann für die Frage
der Bildung von Kapital nicht entscheidend sein. Man mag
eine Wirtschaft, die sich im alten Geleise bewegt, die etwa weni-
ger rechnet, weniger Buch führt, eine „traditionalistische“ nennen,
im Hinblick darauf, daß im Mittelalter im ganzen weniger Buch
geführt wurde als in der Neuzeit. Indessen es würde sich auch
dabei nur um verhältnismäßige Unterschiede handeln, und wir
können es beobachten, wie die mittelalterlichen Handwerter!)
und Kaufleute mit ihren noch unbeholfenen Mitteln der Buch-
führung recht greifbar auf Erwerb ausgehen. Im übrigen
wissen wir auch aus heutiger Beobachtung, daß Eifer und Er-
folg der wirtschaftlichen Tätigkeit nicht unbedingt an die voll-
kommenste Buchführung gebunden ind.
Doch jolche Erwägungen stellt Sombart zurück. Er gibt seiner
entgegenstehenden Meinung den schärfsten Ausdruck (S. 226):
stische Wirtschaft“ der Form und dem Geist nach unterscheiden. Wenn
aber W. S. 28 die ,traditionalistische Wirtschaft“ dem Geist nach er-
klärt: „die traditionelle Lebenshaltung, die traditionelle Höhe des
Profits, das traditionelle Maß von Arbeit, die traditionelle Art der
Geschäftsführung und der Beziehungen zu den Arbeitern und dem
wesentlich traditionellen Kundentreis, die Art der Kundengewinnung
und des Absates, die den Geschäftstrieb beherrschten,“ so sieht man,
wie die Streitfrage des Traditionalismus doch wieder die des Er-
werbssinns ist (s. oben S. 431). Auch im Mittelalter ist schon immer
der Trieb nach Steigerung des Absatzes und des Kundentreises zu beob-
achten, während die mittelalterliche Verfassung diesem Trieb Schran-
ken zieht. „Traditionalismus“ ist ein ebenso relativer Begriff wie
„Erwerbsstreben“, sogar in noch höherm Grad, noch mehr als etwa
„archaistisch“ oder „modern“. Das Traditionelle ändert sich jeden
Augenblick. Im übrigen vgl. oben S. 161.
1) Vgl. Nuglisch, Ztschr. f. d. Gesch. des Oberrheins a. a. O.