Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. XI. Der Geldwert. 
entsprechend fiel, hat die Augen des Publikums geöffnet und endlich 
die Auffassung, für welche die Wissenschaft gekämpft hatte, zum Sieg 
verholfen. Noch ist der Sieg aber nicht vollständig, denn in Ländern 
mit mäßigerer Geldverschlechterung sucht man immer noch die alten 
Wahnvorstellungen aufrechtzuerhalten. 
Es ist klar, daß die wissenschaftliche Analyse sich nicht mit der 
Tatsache eines Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Geldwert 
und mit der Wahrheit, daß ein bestimmter Geldwert eine gewisse 
Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung voraussetzt, begnügen kann. 
Wir müssen danach streben, den Einfluß der Geldmenge auf den Geld- 
wert ziffernmäßig auszudrücken, den Geldwert als Funktion der Geld- 
menge arithmetisch darzustellen. Zu diesem Zwecke ist vor allem eine 
klare Begriffsbestimmung des Geldwerts nötig. 
Der Begriff des Geldwerts ist, wie im allgemeinen der Begriff des 
Werts, schwebend. Der Wertbegriff konnte aber, sofern Waren und 
Dienste in Frage stehen, durch den genau bestimmten Begriff des 
Preises ersetzt werden. Dieser Weg zur Fixierung des Wertbegriffs ist 
bezüglich des Geldwerts verschlossen, denn da die Preise in der Geld- 
einheit gemessen werden, ist der Preis der Geldeinheit immer gleich 
eins, und also der Geldwert formell immer konstant. Eine Vorstellung 
vom Geldwert eines Landes kann man aber gewinnen, wenn man 
denselben in einer anderen Währung mißt. Der Wert des Geldes des 
ersten Landes bestimmt sich offenbar nach der Menge von Waren oder 
Diensten, die für dieses Geld beschafft werden kann. Die Geldeinheit 
repräsentiert eine größere oder kleinere Menge von Nützlichkeiten, je 
nachdem die Preise niedrig oder hoch stehen. 
Diese Überlegung zeigt den Weg, den man einschlagen muß, um in 
der geschlossenen Volkswirtschaft zur Feststellung eines klaren Be- 
griffs des Geldwerts zu gelangen. Ein sinkender Geldwert äußert sich 
als eine allgemeine Steigerung der Warenpreise. Wir müssen also den 
Geldwert als den reziproken Wert des allgemeinen Preisniveaus de- 
finieren. Damit ist natürlich das Problem der Begriffsbestimmung des 
Geldwerts noch nicht vollständig gelöst, denn es bleibt noch immer 
die schwierige Frage, wie das allgemeine Preisniveau definiert werden 
soll, um möglichst treu die gemeinsamen Bewegungen der Preise 
wiederzuspiegeln. Auf diese Frage werden wir noch. genauer ($ 53) 
zurückkommen, setzen aber vorläufig den Begriff des allgemeinen 
Preisniveaus als bekannt voraus. Die ganze Theorie des Geldwerts 
reduziert sich dann auf eine Theorie der Veränderungen des allgemeinen 
'Preisniveaus. 
$ 51. Die Quantitätstheorie. 
Der Gedanke hat offenbar nahegelegen, daß das Geld als solches 
‘keine andere Aufgabe hat, als Waren zu kaufen oder allgemeiner 
400
	        
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