Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 90.. Die Bedeutung der internationalen Kapitalbewegungen. 625 
mitteln bezahlt. Das Wirtschaftsleben des Landes ist für den Augen- 
blick von dieser Transaktion vollständig unberührt. Der übrige Handel 
zwischen den beiden Ländern bleibt ebenfalls unberührt, und die Be- 
dingung des Gleichgewichts dieses Handels ist dieselbe wie früher. Der 
Wechselkurs ist also unverändert. 1 
Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß, wenn eine Kapitalüber- 
ührung von A nach B stattfindet, A einen Überschußexport haben kann, 
ohne daß dieser irgendwelchen Einfluß auf den Wechselkurs ausübt. 
Dies ist sehr bemerkenswert. Denn wenn keine Kapitalüberführung in 
Frage käme, so würde ein Überschußexport einen ganz anderen Wechsel- 
kurs als Folge haben. Was ist denn der Unterschied zwischen den beiden 
Fällen? Der Unterschied ist in der Tat wesentlich und besteht darin, 
daß bei Kapitalüberführung der Überschußexport von A nicht bezahlt 
zu werden braucht. Infolgedessen kann jetzt bei Überschußexport ein 
leichgewicht zustande kommen. Dieses Gleichgewicht hängt wie wir 
ehen davon ab, daß gewisse Sparer in A gewillt sind, ihre Ersparnisse 
dem Lande B zur Verfügung zu stellen. Im betrachteten Falle kommt. 
hierzu, daß B die zur Verfügung gestellte Kaufkraft zum Einkauf eines 
Realkapitals von A verwendet. mil | / 
Denken wir uns, daß B eine Obligationsanleihe von A aufnimmt, 
so können wir sagen, daß B Obligationen nach A ausführt als Bezahlung. 
für die Einfuhr von Realkapital. Wenn wir diese Obligationen als 
Gegenstände des internationalen Handels betrachten, so können wir also: 
formell den Satz aufrechterhalten, daß Gleichgewicht im internatio- 
nalen Handel zustande kommt, wenn beide Länder ebensoviel von- 
einander kaufen. Wir gewinnen dadurch, daß wir eine formelle Einheit 
in unserer Behandlung der Theorie des internationalen Handels auf- 
rechterhalten können. Es ist dann auch leicht zu sehen, daß die Er- 
weiterung des internationalen Handels, welche mit der gedachten 
Kapitalüberführung zustande kommt, ohne Einfluß auf den schon 
bestehenden Handel und also auch auf den Wechselkurs bleibt. / 
Der betrachtete Fall gibt den wesentlichen Vorgang bei einer. 
apitalüberführung wieder. In Wirklichkeit kommen aber Verwicke- 
lungen vor, die den Vorgang etwas modifizieren, ohne jedoch denselben; 
wesentlich zu verändern. Denken wir uns, daß B eine Eisenbahn mit 
Hilfe einer Anleihe von A baut. Die Anleihemittel können dann in ver-. 
schiedener Weise verwendet werden. Erstens kann wie in unserem 
ben behandelten Falle Realkapital, z. B. in Form von Lokomotiven 
der Eisenbahnschienen, für die neue Unternehmung eingeführt und 
it Anleihemitteln bezahlt werden. Zweitens kann B seinen Export 
ach A vermindern und dafür Produktivkräfte für den Dienst des Eisen- 
ahnbaues freimachen. Dies geschieht z. B. wenn Holz, das früher 
xportiert wurde, jetzt für Bahnhofsgebäude verwendet wird. Dasselbe 
geschieht aber auch, sobald Arbeiter von einer Exportindustrie an den 
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