Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 239
Kontrolleinrichtungen an das Kaufhaus an; hier wurden die
Retall⸗ und nanintlich die Goldwaren auf ihre Legierungs—
verhältnisse geprüft, hier untersuchte man fremde und ein⸗
— V— Farbe und Dichtigkeit des
Gewebes; hier kam man zu einer umfassenden Kasuistik aller
jener Bedingungen, unter welchen eine Ware als währschaft
Gut', als ‘rechtes Kaufmannsgut' zu bezeichnen war. Und wo
man Fehler fand, da schritt man unbarmherzig ein: schlecht
legiertes Zinngeschirr wurde eingeschmolzen, außerdem, wenn es
oon Einheimischen gefertigt war, dem Anfertiger zum Spiegel
her bösen That öffentlich die Drehbank zerbrochen; schlechtes Tuch
zerriß man; angegangene Waren wurden ins Wasser geworfen.
Diese äußerst intensive Sorge für die Qualität der Waren
entwickelte sich begreiflicherweise auf dem Gebiete der Konsum—⸗
tibilien zur raffinierten Lebensmittelpolizei. Es gab genaue
Festsetzungen über den Verkauf des Brotes, des Fleisches, der
Fische, von weitergehenden Interessen an herab bis zu jener
hestimmung österreichischer Stadtrechte, daß kein Fischer,
der frische Fische verkauft, einen Hut oder eine Kapuze oder
sonst eine Kopfbedeckung tragen soll: bloßen Hauptes soll er
m Markt stehen in Sonne und Regen, Sommer und Winter,
damit er desto rascher sich vom Markte wegsehne und desto
eichter seine Ware verkaufe. Diese intensive Fürsorge für den
Konsumenten auf dem Gebiete des Lebensmittelhandels ent⸗
wickelte sich dann geradezu zu Präventivmaßregeln, wie sie in
den Lebensmitteltaxen bis in die neuere Zeit hinein gedauert
haben: hier wird Größe und Güte, Preis und Gewicht,
jamentlich von Fleisch und Brot, bestimmt, damit das Volk
iich desto besser nähren möge'.
Beruhte die Ausbildung der städtischen Marktpolizei im
ganzen auf einer den Verhältnissen angepaßten und von ge⸗
sundem Verständnis des thatsächlichen Zustandes zeugenden
Anwendung öffentlicher Zwangsmittel, so überschritt doch die
Aufstellung der Lebensmitteltaren nicht selten diese Linie: das
gewohnte Gängelband obrigkeitlicher Organisation wurde zum
Hindernis.