Das Absolute des marxistisch-bolschewistischen Glaubens. 183
werden. Es konnte daher der Versuch gemacht werden, gigantische
Gesellschaftsexperimente anzustellen, welche die Welt er-Schüttern,
die heutige Welt, in der die bestehende Gesellschaftsordnung
als fragwürdig erscheint; aber die sozialistische Gesellschaft
der Gewaltlosigkeit ist eine Utopie geblieben, und zwar
verwandelt sie sich aus einer Utopie, welche die bestehende Ge-Sellschaftsordnung
sprengt, also zukunftsweisend ist, allmählich
in eine Ideologie, d. h. eine Rechtfertigung bestehender Verhältnisse.
Noch ist dieser Wandel in Rußland, der Sowjetunion nicht vollendet.
Denn noch wirkt sich der Bolschewismus da als Schöpfer
Siner neuen Gesellschaftsordnung aus, als Träger der Industriali-Sierung,
der Massenaufklärung usw., noch gilt es, Rußland die
fünfzig Jahre nachholen zu lassen, die es technisch und wirtschaftlich
hinter den fortgeschrittenen Ländern zurückgeblieben war,
aber doch ist bereits heute klar zu erkennen, daß zwischen den
realistischen, taktischen, von einer Kritik des Imperialismus und
Bejahung der modernen Masse ausgehenden Teilen der bolsche-Wistischen
Theorie und ihrer Zielsetzung in Wirklichkeit keine
notwendige Verbindung besteht. Die Zielsetzung ist eine Pro-Pagandaangelegenheit,
eine Utopie, welche die bestehenden Verhältnisse
zwar sprengt, aber nicht in ihrem Sinne wandelt. Die
realpolitischen Erfolge führen in keiner Weise dem Ziele der sozialistischen
Gesellschaft näher, und daher wird eines Tages der
Zeitpunkt kommen, wo die heute durch die Utopie als Übergangserscheinung
bezeichnete Gewaltherrschaft sich in eine reine Gewaltherrschaft
verwandelt; wo selbst die heutige theoretische Grundlage
der Gewaltherrschaft nicht einmal in der schematischen
Form, die sie bei Stalin angenommen hat, zu halten ist. Dann
wird der Bruch zwischen Theorie und Praxis, also die Verneinung
des entscheidenden Grundsatzes von ihrer Einheit, durch die soziale
Wirklichkeit sichtbar werden. Daß er bereits heute vorliegt, wird
durch die Aufgaben der sozialen Wandlung, die Industrialisierung
usw. verdeckt. Aber eines Tages wird er allgemein sichtbar
werden. Es wird sich dann zeigen, daß die Utopie, die zur Rechtfertigung
der Gewaltherrschaft usw. diente, einfach falsch angesetzt,
eine Konstruktion war, die zu ganz andern praktischen
Erfolgen führte, als sie selber infolge ihres Anspruches, dem Sinn
der geschichtlichen Entwicklung notwendig zu entsprechen, angekündigt
hatte. Dann wird der Bolschewismus sich nicht mehr
durch die Zukunftsperspektive rechtfertigen können, dann wird
gerade das, was heute seine Stärke ausmacht, die Behauptung,
die geschichtliche Entwicklung zu kennen und ihr zu helfen, sich