32 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,
Denn die Auflösung der Dorfgemeinde bedeutete keinen Bruch mit
dem schwerfälligen bürokratischen Apparat, der unfähig war, mit
den modernen Wirtschafts- und Organisationsproblemen fertig zu
werden, wie es sich im Weltkrieg zeigte, in den Rußland weder
militärisch noch wirtschaftlich genügend gerüstet hineinging. Sie
bedeutete auch nicht eine dauernde Lösung der mit der Industrialisierung
verbundenen Probleme. Wenn sie in den Jahren nach
1905/06, den Jahren einer russischen Hochkonjunktur, auch sichtbar
zurücktraten, so wären sie doch bei einer Wirtschaftskrise
sofort mit größter Schärfe aufgetaucht. Darauf deutete der sich
verschärfende Gegensatz der Arbeiterschaft zum patriarchalischen
System hin, das als Begünstigung der Arbeitgeber wirkte. Es stand
Erscheinungen wie Streiks im Grunde genommen hilflos gegenüber.
Das zeigte sich nicht nur am berühmten blutigen Januarsonntag
von 1905. Das bewiesen auch die agitatorisch für die Radikalen
so wirksamen Erschießungen der streikenden Arbeiter in den
Lena-Goldfeldern. Auch die Unzufriedenheit der modernen bürgerlichen
Gesellschaft mit dem bestehenden Regime, das die
nationalen Ansprüche nicht zu erfüllen vermochte, wäre wohl mit
der steigenden Industrialisierung gewachsen. Was wäre dann aus
den durch das Anwachsen des Großbauerntums landlos werdenden
proletarisierten Bauern auf die Dauer geworden? Sie hätten bestimmt,
wie das ihre Rolle 1917/18 beweist, jür jede revolutionäre
Bewegung sehr wichtige Hilfskräfte geliefert. Endlich hätte die
Entstehung eines selbstbewußten großrussischen Bauerntyps auf
die Dauer zu aktiven Oppositionsströmungen geführt, welche die
bisherige Behandlung des Bauern als eines Objektes der Verwaltung
nicht geduldet hätten. Wenn die Meinung der heutigen Anhänger
Stolypins richtig ist, daß sich der russische Bauer durch
die Dorfgemeindeauflösung allmählich in eine Art Fermier verwandelt
hätte, so darf doch nicht vergessen werden, daß der
Fermier in die bestehende politisch-soziale Welt der russischen
Monarchie gar nicht hineingepaßt hätte.
Aber nicht die wirtschaftliche Krise und die durch die Auflösung
der Dorfgemeinde hervorgerufene soziale Entwicklung
brachten die für das herrschende Regime tödliche Gefahr. Bereits
der Verlust des Krieges gegen Japan und die damit verbundene
Abnahme des Anselens der Regierung hatte die liberal-sozialistischen
Bewegungen zur sichtbaren Aktivität getrieben. Dieser
Krieg war verhältnismäßig unbedeutend gewesen und hatte nicht
das gesamte Leben Rußlands bis in seine letzten Grundlagen erschüttert.
Aber trotzdem machte er die schon vor ihm sich zei-