Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

298 Siebentes Buch. Erstes Kapitel. 
schon begannen die Anhänger Clunys darüber hinaus das 
Ganze des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, zwischen 
Sacerdotium und Regnum ins Auge zu fassen. Sie waren 
damit keineswegs schon gemeint, das Regnum oder Imperium 
ohne weiteres als ungöttlich zu verwerfen, wie das später wohl 
geschah; sie bedurften seiner noch zu sehr und erkannten es 
darum voll an unter der Voraussetzung, daß es die Kirche 
schütze. Es waren eben wesentlich nur religiöse, noch keine 
kirchenpolitischen Gründe, welche die Cluniacenser bewogen, für 
die Durchsetzung des päpstlichen Primats und teilweise auch 
schon für die Autorität des geistlichen Rechts einzutreten. Nicht 
eigentlich der Staat, sondern der vielfach verweltlichte Episkopat 
war der Feind, den sie bekämpften. 
Nach Deutschland kamen diese Lehren auf doppeltem Wege, 
durch Verquickung mit der lothringischen Reform und durch 
unmittelbare Verbindung mit dem königlichen Hofe. 
In Lothringen blühte zwar die alte Askese einheimischen 
Ursprunges noch weiter und entfaltete auch ihrerseits vielen 
Eifer in der Besserung verfallener Klosterzucht. Allein über sie 
hinweg ergoß sich doch immer mächtiger, sie beherrschend und 
zerstörend, die cluniacensische Strömung um so mehr, als sie 
von den Sympathieen vieler Bischöfe des Westens, Gerards 
von Cambray, der Lütticher Bischöfe, Adalbolds von Utrecht, 
Piligrims von Köln u. a. getragen ward. Einer ihrer ersten 
großen Vertreter ist Wilhelm von Dijon; er reformierte schon 
die alten Klöster der lothringischen Askese, Gorze, St. Arnulf, 
St. Clemens und St. Peter zu Metz. Ihm folgte dann vor 
allem Richard, ein Freund des Grafen Friedrich von Verdun 
und des hohen westfranzösischen Adels; ganz erfüllt von den 
Idealen Clunys, führte er im Jahre 1004 die Reform der 
Schottenabtei St. Vannes in Verdun durch und ward Abt 
dieses Klosters, um vier Jahre darauf den cluniacensischen 
Geist nach Flandern zu tragen, vom Grafen Balduin zur 
Reformation des Klosters St. Vaast in Arras berufen. 
Durch Richard von St. Vannes wurde auch König Hein⸗ 
rich II. in die Kreise cluniacensischen Denkens eingeführt, so
	        
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