Professor Dr. Theodor Lessing. 211
sollen die farbigen Völker ihre fähigsten jungen Menschen hierher schicken,
nicht nur, damit sie lernen, wie man Dampfmaschinen baut, Turbinen anlegt,
Radio und Elektrizität ausnutzt, Berge abbaut, die Luft beherrscht und das
Meer ausnutzt — nein, Inder, Chinesen, Perser, Negervölker sollen als Lehrer
kommen und den ganz abscheulichen Hochmut des weißen Kulturkreises
brechen. Denn was wissen die Menschen voneinander? Gar nichts! Es wäre
gut, wenn die Amerikaner und Engländer niederknien lernten vor den Göttern
im Wasser, vor den Göttern im Winde. Das Christentum kennt nur einen
Gott, und das ist der Mensch. Gott ward Mensch, das ist das ganze Geheimnis
der westlichen Kultur. Aber von manchen Menschen Asiens und Afrikas
können wir noch lernen; der Mensch ist es nicht, es gibt auch außermensch-
liche Mächte, kosmische Gewalten. Wir haben uns ihnen verfeindet, denn wir
kaukasischen Menschen sind wie Kinder, die sich nicht damit begnügen, die
Milch der Mutter zu trinken, wir trinken der Mutter Erde gleich das ganze
Blut weg. Ich wünschte, es gäbe bei uns Schulen, wo Brahmanen, Buddhisten,
Lehrer des Tao, Lehrer des Korans, des Zendavest auf die Jugend ein-
wirkten. Luftschiffe und Elektrizität haben die ganze Erde mit einem Netz
von Verbindungen überzogen. Warum nicht auch ein Netz der Seele? Erst
seit kurzem empfindet man Europa als Einheit. Wir wollen die Erde als
Einheit empfinden. Dazu müssen viele farbige Männer über das Meer
kommen.
Drittens, nun kommt das Wichtige. Sie sehen hier an den Wänden überall
zwei Aufschriften, die sich scheinbar widersprechen: Liberte nationale und
6galit6 sociale. Fassen wir das zusammen auf die Formel: Libert@ nationale
par l’6galite sociale!
In einem großen Häuserblock wohnen 300 Proletarierfamilien. In der
Küche am Herd stehen in 300 Küchen jeden Tag 300 geplagte Frauen, und
alle 300 Frauen kochen täglich auf 300 Herden dieselbe Suppe. Abends
kommen die müden Männer von der Arbeit. Dann nimmt jeder sein Bad und
liest die Zeitung. 300 Zeitungen werden in das Haus gebracht. Immer dieselbe
dumme Zeitung. Eines Tages steht ein kluger Mann auf und sagt: Kamera-
den, ich habe dies Leben satt. Warum kochen denn unsere 300 Frauen immer
dieselbe Suppe, bauen wir doch einen Herd für alle. Wir sparen Kohle, und
mit weniger Kohle kann der eine Herd 300 Suppen kochen, und jeder von
uns kann sich aussuchen, was er essen will. Und warum liest jeder von
uns immer die eine dumme Zeitung? Wir können für dasselbe Geld jeder
eine andere Zeitung halten. Wir legen dann alle Zeitungen aus in einem ge-
meinsamen Raum, und jeder mag lesen, was er lesen will.
So sprach der kluge Mann. Wie nennt man das, was der Mann da an-
empfiehlt? Man nennt das Kommunismus. Er sozialisiert, aber er sozialisiert
nicht, um die einzelnen Menschen in eine Zwangskaserne zu stecken, um zu
nivellieren. Nein! Umgekehrt! Er will sie frei machen. Sie sollen nicht als
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