1131)] Die neuere Volkswirtschaft. Blüte und Verfall der Völker. 673
klüger, edler, selbstloser, die Institutionen immer vollendeter werden. Dies führt uns
auf die letzte hier zu behandelnde Gedankenreihe.
276. Aufsteigen, Blüte und Verfall der einzelnen Vöolkerundihres
Wirtschaftslebens. Haben wir versucht, die historische Stufenfolge der wirtschaft—
lichen Organisationsformen darzulegen und damit einen Überblick über den allgemeinen
Gang des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit zu gewinnen, so bleibt uns noch die
Frage der speciellen Ursachen des Aufsteigens, der Blüte und des Niederganges der
einzelnen Stämme, Völker, Staaten und Volkswirtschaften zu erörtern übrig.
1. Die Thatsache, daß die einzelnen Gemeinwesen emporsteigen und wieder vergehen,
daß jeweilig die vorangeschrittensten eine Führer- und Herrscherrolle spielen, diese aber
dann wieder nach Generationen oder Jahrhunderten anderen abtreten müssen, war schon
den Alten klar. Am nächstliegenden war die Erklärung durch die Analogie mit den
menschlichen Lebensaltern. Man sprach von einer Jugend, einem Mannes- uͤnd Greisen—
alter der Völker und nahm an, daß diesem Gesetze alle gleichmäßig unterliegen. Aber
es ist mit diesem Vergleich nicht viel gewonnen; er giebt uns nicht die speciellen
Ursachen, er erklärt uns nicht, warum manche Stämme niedrigerer Rasse seit Jahr—⸗
tausenden in gleicher Größe, Verfassung und Wirtschaftstechnik und -organisation ver—
harren, andere rasch vorankommen und wieder zu Grunde gehen. — Zunächst ist für
den Niedergang der Stämme und Völker zu unterscheiden, ob sie nur politisch als
selbständige Gemeinwesen verschwinden, oder ob sie zugleich wirtschaftlich und kulturell
zurückgehen, an Zahl abnehmen, mehr oder weniger vernichtet werden.
Nach dem, was wir über den notwendigen Vergrößerungsprozeß der Staaten,
über das stetig sich wiederholende Verschwinden der kleineren in den größeren politischen
Körpern wissen, werden wir annehmen können, die Mehrzahl aller Stämme, Klein- und
Mittelstaaten seien überhaupt nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern durch
Unterwerfung und Einverleibung in größere politische Körper verschwunden. Das kann
ihr Schicksal gewesen sein, weil sie bereits geschwächt, an Zahl und politischer Fähigkeit,
an Wohlstand und physischer Kraft zurückgegangen waren, wie die Griechen, als sie
Macedonien und Rom erlagen. Das gleiche Geschick hat aber auch das kräftige Sachsen—
volk ereilt, als Karl d. Gr. es unterwarf. Und unzählige andere aufsteigende jugend—
kräftige Stämme und Völker sind in ähnlicher Weise als politische Gesamtvpersönlichkeiten
von der Weltbühne abgetreten.
Der heutige Begriff der Nation ist in gewissen Anfängen bei den Griechen und
Italikern vorhanden, ausgebildet tritt er uns erst infolge des Geistes-, Staats- und
Wirtschaftslebens der europäischen Völker seit dem späteren Mittelalter entgegen; im
Orient, im früheren Mittelalter fehlte er, wie bei den Naturvölkern teils ganz, teils
wenigstens in der heutigen Ausbildung. Daher können wir für diese Zeiten auch nicht
von einem Aufsteigen, Blühen und Untergehen der Nationen reden.
Was in den altorientalischen Reichen emporkam, war eine despotisch-kriegerische
und theokratische Staatsgewalt, und ihre gewaltthätige, centrale Wirtschaftsverfafsfung;
die unterworfenen Stämme, Dörfer, Städte, Gebiete nahmen daran mehr passiv als
aktiv teil. Bei dem meist durch Kriege herbeigeführten Zusammenbruch der älteren
Reiche trat meistens eine neue andere Gewalt an die Stelle der vorher herrschenden, die
besser wie schlechter sein konnte, für die Unterworfenen Erleichterung oder Erschwerung
ihrer wirtschaftlichen Existenz und Kultur, aber nicht notwendig neue Blüte oder
Verfall bedeutete. Nur für den Kern, die herrschenden Stämme dieser Reiche können
wir deutlich ein Aufsteigen, eine Blüte, einen Verfall behaupten, die erst das Entstehen
der kriegerisch-theokratischen Herrschaft und damit Macht, Reichtum, Kultur bedeuteten,
während dann mit dem Untergang der Herrschaft auch diese ihre Folgen verschwanden.
Die typischen Beispiele des Aufsteigens und des Verfalles großer Kulturvölker sind
die Griechen und die Römer. Ihr Vorbild hat man meist auch für das Schicksal der
neuern Völker im Auge. Und doch ist der Vergleich gerade nach der Seite des Unter—
ganges ein hinkender. Die Griechen haben es infolge ihrer geographischen Lage und Ge—
schichte nie zu einem größeren Einheitsstaat gebracht. Ihre wunderbar rasch und
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl. 42