zu Verbesserungen anregen konnte. Wenn schließlich diese Industrie
zugrunde gegangen ist, so lag das an einer Reihe zusammenwirken-
der Momente. Die neu erwachende Konkurrenz des Auslandes
hat hier in gleicher Weise gewirkt wie die teuren Lebensverhält-
nisse und hohen Arbeitslöhne in Holland; die Teuerung war größten-
teils zuzuschreiben der nach dem Utrechter Frieden eintretenden
starken Vermehrung der Lasten, die nun nicht mehr allein dem
jetzt weniger leistungsfähigen Handel, sondern auch der Industrie,
namentlich aber dem inneren Verbrauch aufgebürdet wurden‘).
Allerdings beschränkte sich der Verfall der Indu;
strie nun nicht etwa auf die durch die Fremden?) neu geschaffene,
sondern riß auch einen Teil der alten bodenständigen Industrie,
die von jener Einwanderung berührt war und sich nun auf Luxus-
gegenstände geworfen hatte, mit sich. So ging, wie wir sahen, die
Leidener Textilindustrie schnell zurück, z. T. wohl aus inneren
Gründen; in Haarlem war es ähnlich; hier fiel die Bevölkerungs-
zahl von 60 000 im Jahre 1690 auf 25 000 im Jahre 1754. In Enck-
huizen, in Hoorn zeigte sich ein ähnlicher Rückgang; in ersterer
Stadt wurden 1632—1732: 1290, in Hoorn 1700—1760: 568 Häuser
abgebrochen?).
Man hat diesen allgemeinen gewerblichen Rückgang der an-
geblichen Verkennung der staatswirtschaftlichen Begriffe in den
Niederlanden zugeschrieben, der unglücklichen Lust, Frankreich
nachzuahmen und auch hier die Tendenzen Colberts zu ver-
wirklichen, wobei vergessen worden ist, daß es bei Maßnahmen
der Wirtschaftspolitik ein großer Unterschied sei, ob es sich um
dieses oder jenes Land handle; für die Niederlande hätten jene
Schutzgesetze nichts getaugt; nicht die Industrie, sondern der
Welthandel sei ihr Ziel und Zweck; die künstlich aufgefütterte
Industrie mußte zugrunde gehen, sobald die natürlichen Wirt-
schaftsverhältnisse wieder in Funktion traten. Der vorübergehende
Charakter dieser neuen Industrie beruhte auf dem durch die fran-
zösische Politik veranlaßten Rückgang der niederländischen Aus-
1) Berg; S. 251.
?) Auf die nach dem Utrechter Frieden erfolgenden Einwanderungen (Berg,
S. 73) braucht hier nicht weiter eingegangen zu werden.
3 Berg, S. 258. Die Angabe der 60 000 Einwohner für 1690 ist wohl
zu hoch: vgl. oben S. 25.
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