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sobald der Preis pro Quarter Weizen unter 80 Sh. sank, das sind
etwa 36,7 Mk. pro 100 Kilo. Bei höheren Preisen war die Einfuhr
frei gestattet, doch ist ein solcher Fall nur ganz vereinzelt vorge-
kommen. Im Durchschnitte von 1815—27 standen in England die
Weizenpreise 46%, höher als in Frankreich, obwohl auch in letzterem
Lande 1818 eine künstliche Verteuerung durch Zölle stattfand, und das
Einfuhrverbot nach England 1822 auf einen Preis von 70 Sh. herabgesetzt
wurde. Kein Wunder, dass diese hohen Zölle zur Unzufriedenheit An-
jass gaben, namentlich in der wachsenden Exportindustrie, da die Kon-
kurrenz mit dem Auslande dadurch erheblich erschwert wurde. Waren
die Preise der Lebensmittel so wesentlich höher, wie in den anderen
Ländern, so musste auch der Lohn entsprechend höher gehalten werden,
was die englische Produktion erheblich verteuerte. Inauguriert wurde
die freihändlerische Bewegung durch eine Petition der Londoner Kauf-
leute im Jahre 1820 an das Parlament, worin unter ausführlicher Moti-
vierung um eine allgemeine Herabminderung der Einfuhrzölle gebeten
wurde. Im Jahre 1828 wurde dann das bisherige Prohibitivsystem
beseitigt und die berühmte bewegliche Zollskala für Weizen eingeführt,
wonach die Höhe des Zolls durch die der Weizenpreise bedingt wurde.
Bei 68 Sh. pro Quarter war der Zoll 18 Sh. 8 d., bei 69 Sh. 16 d., bis
bei 73 Sh. der Zoll nur noch 1 Sh. betrug. Man hoffte hierdurch
dem Landwirt gleichmässige Preise zu verschaffen, sah sich indessen
darin bald durchaus getäuscht. Schon Anfang der zwanziger Jahre
hatte das Prohibilivsystem nicht ein gewaltiges Sinken der Getreide-
preise hindern können, wie es sich eben in ganz Europa herausstellte.
Nach Einführung der gleitenden Skala zeigten sich namentlich innerhalb
kürzerer Perioden viel grössere Schwankungen als früher, aber auch
zwischen den einzelnen Jahren blieben die Differenzen ausserordentlich
gross, Im Februar 1831 kostete der Quarter Weizen 75 Sh., im Januar
1836 nur 36 Sh. Immerhin wurde dadurch eine im Durchschnitte nicht
unbedeutende Preiserhöhung ermöglicht, so dass von 1828—41 durch-
schnittlich die Preise 28 %/, höher waren als in Frankreich. Von 1837—41
war infolge schlechter Ernten die Differenz sogar auf 37°%, gestiegen
Als im Jahre 1838 nach einer Missernte eine bedeutende Preis-
steigerung des Getreides in Aussicht stand, begann eine energische
Freihandelsbewegung durch die sogenannte „Anticornlawleagne“, welche
historische Bedeutung erlangt hat, weil kaum eine andere reine wirt-
schaftliche Agitation mit solcher Energie und schliesslich mit solchem
Erfolge durchgeführt ist als diese. Ihr ist vielleicht nur die Antibryan-
bewegung im Jahre 1896 in den Ver. Staaten von Nordamerika an die
Seite zu setzen, welche sich gegen die freie Ausprägung des Silbers
nach dem Verhältnis wie 1:16 richtete. Hier handelte es sich um
die Verhütung einer neuen gefährlichen Einrichtung, dort um die Be-
seitigung eines alteingebürgerten Systems. Die Handelskammer in Man-
chester unter dem Vorsitze Richard Cobdens Jeitete die Bewegung
durch eine Petition an das Parlament ein, welche die freie Einfuhr aller
Lebensmittel verlangte, wobei aber gleichzeitig prinzipiell die Anbahnung
des Freihandels auch für die industriellen Produkte gefordert wurde.
Im Januar 1839 trat eine grosse Delegiertenversammlung aus allen
Industriedistrikten des Königreichs in Manchester zusammen, welche
die Organisation einer das ganze Land umfassenden Agitation gegen
Anticorn-
awleague.