182 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
hängen des Erzgebirges sonderbar ausschweifende Schosse trieb;
um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts war sie die
hauptsächlichste plastische Schule.
Ihre großen Meister waren Wohlgemut der Maler, Veit
Stoß, der um das Jahr 1480 blühte, Adam Kraft (1490)
und der gleichzeitig mit Kraft bekannt werdende Peter Vischer,
der 1529 gestorben ist. Alle diese Meister, von denen Wol—
gemut und Stoß zumeist in Holz, Kraft in Stein, Vischer in
Erz arbeiteten, brachten den naturalistischen Zug mit fränki—
schem Nachdruck und fränkischer Vorliebe für klares, hart
dramatisches Handeln zum Ausdruck. Bezeichnend für diese
Richtung ist namentlich Stoß; bei ihm zeigen sich die natura—
listischen Neigungen geradezu übertrieben und gleichsam nervös;
er vermeidet es bisweilen nicht, in hohles Pathos und über—
hitzte Empfindung zu verfallen. Erscheint ihm gegenüber Adam
Kraft in seiner Kunst streng, ja fast archaisch, so ist Peter
Vischer, dem sich namentlich in seinem herrlichen Grabdenkmal
des h. Sebald, ähnlich wie Brüggemann, der Weg zum Idealis—
mus aufthut, vielmehr zur Ruhe, zur Monumentalität, zu
klassischem Ebenmaß gestimmt. Und hierfür machen sich bei ihm
neben der eigenen genialen Anlage zugleich schon klassische und
italienische Einflüsse geltend, freilich ohne seine Eigenart im
tiefsten zu beugen. Er ist damit gleichsam der Holbein der
deutschen Plastik; im Grunde deutsch bleibend, entnimmt er
doch fremdem Einfluß gern, was ihm zur Klärung und Ver—
klärung seiner Kunst von Wert dünkte.
Es versteht sich, daß er damit eine Stellung einnahm, die
sich, auf der Scheide zweier Zeitalter, von keinem Nachfolger
aufrecht erhalten ließ: er ist der letzte große Plastiker dieser
Periode. Unaufhaltsam ergoß sich nach ihm der italienische
Einfluß über die Alpen und wirkte, die Grundfesten der deutschen
Bildnerei umspülend, verderblich. Er vernüchterte die Stimmung,
er lähmte die Bewegung, er führte zur Entartung in leeren
Formenklang. So zerstörte er das plastische Vermögen für
große und tief zu empfindende Aufgaben: genug schon, wenn