306. Zweiter systematisch-theoretischer ‚Teil
hohen Kindersterblichkeit ist; das gilt besonders dann, wenn Kinder
in kurzen Abständen nacheinander zur Welt kommen. Als Ursache
nennt Prinzing?!) namentlich, daß zahlreiche aufeinanderfolgende
Geburten die Mutter schwächen und daß deshalb die Kinder weniger
lebensfähig sind und den ersten Kindern von seiten der Mutter mehr
Sorgfalt gewidmet werden kann als den späteren, bei denen die
Mutter auch durch die anderen Kinder sehr in Anspruch genommen
ist. Das Letztere wird vornehmlich bei ärmeren Familien zutreffen.
Auf Grund seiner Untersuchungen in sächsischen Bergarbeiterfamilien
kam Geissler zu folgenden Ergebnissen ?). Hier starben von
1000 Geborenen im ersten Lebensjahre in Ehen mit
ı Kindern
207
205
204
228
232
229
über 1%
9 Kindern
{ii
259
257
314
351
423
Der Zusammenhang ist ohne weiteres einleuchtend und auch
späterhin ist er häufig betont worden. In diesem Einfluß der Geburten-
häufigkeit auf die Sterblichkeit der Säuglinge haben wir aber auch
wieder eine wichtige Ursache, die uns den neuzeitlichen Rückgang
der Säuglingssterblichkeit mit erklären hilft; denn daß auf. diesen
Rückgang die Abnahme der Geburtenhäufigkeit im letzten Menschen-
alter von starkem Einfluß gewesen ist, unterliegt keinem Zweifel.
Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit im Säuglings- und Kindesalter
stehen also miteinander in enger Wechselwirkung. Die Herab-
minderung der einen hat auch die Tendenz, die andere herabzusetzen..
Auf dieser eben dargelegten Tatsache beruht es, wenn auch
darin freilich «keineswegs die einzige Ursache dafür zu suchen ist,
daß man eine recht weitgehende Parallelität zwischen der Höhe der
Geburtenzahl und der Höhe der Gesamtsterblichkeit in einem Lande
feststellen kann. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, braucht
man nur daran zu denken, welche Rolle für die Gesamtsterblichkeit
diejenige im Säuglings- und Kindesalter spielt und welchen Einfluß
darauf die Geburtenhäufigkeit ausübt. Wenn auch für die Höhe der
Sterblichkeit in einem Lande noch zahlreiche andere Faktoren von
Einfluß sind — wie die Beschäftigung der Bevölkerung oder die
ganzen sozialen und hygienischen Zustände — so hat doch darauf
auch die Geburtenhäufigkeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluß.
1) Handbuch, a, a. O,, S. 299.
2) Geissler, a. a. O0.