56 Der britische Imperialismus in Indien, Persien und Mesopotamien,
von Ihnen haben von der Amritsar-Angelegenheit gehört. Glauben Sie nicht,
daß, weil diese Affäre größeres Aufsehen in der Welt erregte als viele andere,
sie vielleicht allein dastünde oder der schlimmste Zwischenfall in der
Geschichte Indiens wäre, seit die Briten bei uns angekommen sind. Sie
kamen zu uns, wie Sie zweifellos wissen, indem sie erst die eine Provinz
gegen die andere ausspielten, bis sie sich schließlich ganz festsetzten.
Während ihres ganzen Aufenthaltes haben sie die alte Politik des „Teile
und Herrsche‘ befolgt. Ich bedaure sagen zu müssen, daß sie diese Politik
noch immer verfolgen. Sie kamen also und die Frühgeschichte ihrer Okku-
pation ist eines der wildesten und schamlosesten Beispiele, die wir je in der
Geschichte der Welt gesehen haben. Sogar britische Geschichtsschreiber,
die sicherlich nicht ganz unparteiisch sind, geben zu, daß die Frühge-
schichte Indiens unter der Herrschaft der Briten eine Epoche der Raubkriege
darstellt, eine Periode, in der Freibeuter umherzogen und im Lande zügellos
plünderten und raubten. Sie kennen vielleicht auch den Vorfall, der als
„Sepoy-Aufstand“ bekannt ist, und der vor 70 Jahren stattfand. Man nennt
ihn so; aber wenn es das Schicksal anders gewollt und die sogenannten
Rebellen Erfolg gehabt hätten, so würde man ihn heute den indischen
Unabhängigkeitskrieg nennen. Was ich aber mit alledem sagen will, ist das:
Amritsar war gar nichts im Vergleich zu dem, was sich beim „Sepoy-
Aufstand“ ereignete. Aber seitdem haben sich solche Dinge noch ständig
ereignet, sogar heute sind Schießereien nichts Seltenes, und es ist ein
schrecklich häufiges Vorkommnis für zahllose unserer Kameraden und
Freunde, daß sie mit und ohne Prozeß ins Gefängnis geschickt werden. Viele
unserer besten Kameraden in Indien leben sogar gewöhnlich im Gefängnis
oder sie sind im Exil und können nicht in ihre Heimat zurückkehren. Viel-
leicht haben Sie auch gehört von der zwar nicht neuen, aber bei den Briten
in Indien sehr beliebten Methode, Leute ohne Prozeß oder sogar ohne Anklage
ins Gefängnis zu stecken. Das ruft manchmal eine kleine Sensation hervor,
aber der wirkliche Schaden, den die Briten in Indien anrichten, die wahre
Ausbeutung ist sogar noch ernster als die Erschießungen, das Erhängen
und die Massakers, die gelegentlich einige Aufmerksamkeit hervorrufen:
die systematische Methode, mit der sie die Arbeiter und Bauern ver-
nichtet und Indien zu dem gemacht haben, was es heute ist. Wir lesen
in der Geschichte, nicht nur in der alten, sondern auch in der neueren von den
Reichtümern Indiens. Indien hat die verschiedensten Völker aus den verschie-
densten Enden der Welt durch seinen Reichtum angelockt. Aber wenn man
heute nach Indien kommt, dann starrt einem die schrecklichste Armut ins
Gesicht. Dann sieht man, wie die Mehrzahl der Bevölkerung-nicht weiß, wo-
her sie die’nächste Mahlzeit nehmen soll, wie sie oftmals diese Mahlzeit nicht
bekommt. Immer hat man den entsetzlichen Anblick dieser Verhungernden
und Halbverhungernden. Das ist das heutige Indien. Man braucht keine Sta-