Full text: Das Flammenzeichen vom Palais Egmont

72 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker. 
patriotischen und imperialistischen Ideologie verseucht. Ich spreche be- 
sonders von den qualifizierten Arbeitern und von jenen Elementen im all- 
gemeinen, die die Mehrheit im amerikanischen Gewerkschaftsbund bilden. Die 
letzte Entwicklung in den Vereinigten Staaten zeigt als überraschendes Phä- 
nomen das schnelle Wachstum der Betriebsgewerkschaften (gelbe Verbände), 
die wir gewöhnlich als Arbeitsgemeinschaft (Zusammenarbeit der Klassen) 
bezeichnen. Ohne die sich unerhört rasch entwickelnde Form dieser Arbeits- 
gemeinschaft der Klassen im einzelnen zu beschreiben, erwähne ich nur die 
Arbeiterbanken, Arbeiterversicherungspläne, Betriebsgewerkschaften und die 
Tendenz, die Prinzipien der Betriebsgewerkschaften in den freien Gewerkt- 
schaften zur Anwendung zu bringen. Bemerkenswerte Beispiele dieser letz- 
teren sind der sogenannte “Baltimore and Ohio Plan” und die Verwaltungs- 
maschinerie, die kürzlich unter dem Watson-Parker Gesetz zur Schlichtung 
von Streitfragen errichtet wurde. 
So zufriedenstellend haben sich diese Methoden für den amerikanischen 
Kapitalismus erwiesen, daß einige davon nach Europa in Form des Rationali- 
sierungsproblems übertragen werden. Wir hören, daß Europa die Arbeits- 
gemeinschaften von Amerika übernimmt. Wir dürfen jedoch dabei nicht 
vergessen, daß in Deutschland schon vor dem Kriege etwas bestand, was man 
bei uns oft als Staatssozialismus bezeichnete. Die Zusammenarbeit der 
Klassen ist auch für Europa nicht neu. Sie ist so alt wie der Reformismus. 
Nicht durch Zufall waren die reformistischen Führer der II. Internatio- 
nale taub gegen die Appelle der kolonialen und halbkolonialen Völker, ihnen 
in ihrer nationalen Befreiung zu helfen; und nicht durch Zufall ist die herr- 
schende Bureaukratie des amerikanischen Gewerkschaftsbundes eine loyale 
Stütze der Regierung der Vereinigten Staaten in ihrer Außenpolitik. Die 
Kritik der imperialistischen Politik beschränkt sich auf Unwesentliches, auf 
vereinzelte Brutalitäten, auf „Exzesse‘. Man beschuldigt bisweilen das 
Außenministerium, daß es unzulässigen Einflüssen unterworfen gewesen sei, 
Solche Kritik, die auch von kleinbürgerlichen Liberalen und Pazifisten geübt 
wird, tut dem Imperialismus einen Liebesdienst. Denn danach scheint es so, 
als ob nichts grundlegend Verkehrtes an dieser Politik sei. Zur Schande der 
amerikanischen Arbeiterklasse muß eingestanden werden, daß der amerika- 
nische Gewerkschaftsbund keine klare Haltung angesichts des brutalen An- 
griffs der Regierung der Vereinigten Staaten in Nicaragua eingenommen hat. 
Ebensowenig trat die A. F.of L. (Amerikanischer Gewerkschaftsbund) klar 
für die sofortige, völlige und absolute Unabhängigkeit der Philippinen und 
Porto Ricos ein. Sie unterstützt die Monroe-Doktrin in Latein-Amerika, so wie 
sie in den Vereinigten Staaten die Sonderrechte gegen die Neger und andere 
unterdrückten Gruppen fördert. 
Das müssen wir wissen, um die verderbliche wirtschaftliche Grundlage 
zu erkennen, die dieser Politik unterliegt. Nur auf der Basis dieser Tatsachen
	        
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