Full text : Finanzwissenschaft

V. Vorreue.
Hier bietet sich ein weites Feld für Alle, die der Wissenschaft
dienen wollen. Vielleicht trägt auch dieses Werk hierzu Einiges bei.
Budapest, ım Mai 1927.
Der Verfasser.
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage.
Finanzwissenschaft und Finanzpolitik sind an einem Wendepunkt
 angelangt. Es ist unmöglich, der Wahrnehmung aus dem
Wege zu gehen, daß die kolossalen Kriegslasten neue Richtungen
einzuschlagen zwingen, soll der Staat seinen Verpflichtungen entsprecher
 können. Schon jetzt lassen sich gewisse Linien entdecken,
die den Gang der Entwicklung vorzeichnen. Es ist in der letzten
Periode der europäischen Staaten gelungen, einigen wichtigen prinzipiellen
 Forderungen auf dem Gebiete des Steuerwesens Geltung
zu verschaffen. Wir sind darauf vorbereitet, daß man diesen Prinzipien
 nicht mit der alten Orthodoxie wird Folge leisten. Die
Interessen der Staatsfinanzen werden in erster Reihe maßgebend
sein, Postulate der Volkswirtschaft und der Sozialpolitik werden
sich schwer Anerkennung verschaffen. Die Finanzminister werden
nur ein Gebot kennen: den Staatsschatz zu füllen. Ist dies in
schonender Weise möglich, dann schonend, ist dies aber nicht möglich,
 dann schonungslos. Wenn möglich, mit Beachtung der volkswirtschaftlichen,
 sozialen, kulturellen Anforderungen, im Notfalle
aber auch mit Verleugnung derselben. Daß dem so ist, illustriert
am besten das Vorgehen Englands, das in gewisser Beziehung früher
das Vorbild für die Anerkennung der sozialpolitischen Postulate
war. England hat im Kriege den Steuerfuß der Einkommensteuer
in exorbitanter Weise erhöht, die Progression außerordentlich verschärft,
 dagegen auch das steuerfreie Existenzminimum herabgesetzt
und hat auch eine Reihe neuer Verbrauchssteuern eingeführt. Es
wird mit Steuerfußen gearbeitet, die den Staat eigentlich zum
Gesellschafter machen. Die Besteuerung der Produktion, die Beschränkung
 der wirtschaftlichen Freiheit, der Eingriff in die Vermögensrechte
 sind ebenso viele Beweise dafür, daß die Finanzpolitik
rücksichtslos ihre Wege gehen will, unbekümmert um die höheren
Anforderungen der Steuertheorien. Es wird vielleicht der Arbeit
vieler Jahre bedürfen, um wieder auf den Weg rationeller Besteuerung
 einzulenken.

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