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Elftes Buch. Drittes Kapitel.
gerichtsbarkeit zur; nur in dem unbestimmten Verhältnisse von
Verwandten' blieben sie beim Reiche, bis der westfälische
Friede auch dies lose Band zerriß.
Freilich: die politische Trennung hat die geistige Ver—
wandtschaft und die höhere Einheit im nationalen Sinne nicht
gelöst. Der Sänger der schweizerischen Freiheit, Schiller, war
ein Schwabe und Unterthan eines Fürsten; und die Sage vomi
Tell, uͤrdeutschen Charakters, ward in den schweizer Bergen
in eben den Jahren lebendig, in denen die Eidgenossenschaft das
baufällige Haus des Reiches verließ.
Es wäre eine schöne Aufgabe, im einzelnen aufzuweisen,
was die Nation als Ganzes der Schweiz geistig verdankt, von
Zwingli über Bodmer und Lavater bis auf Keller und Konrad
Ferdinand Meyer; wie Flandern und Holland auf dem beson—
deren Gebiete der bildenden Künste, so hat auf dem Felde der
Dichtung vor allem die Schweiz das Centrum befruchtet. An
die Spitze derartiger Einwirkungen aber würde schon die
Schweizer Sage selbst zu stellen sein. Wir kennen jetzt im ganzen
ihren Ursprung; wir wissen, daß sich in ihr dunkle historische
Vorstellungen von der Unterdrückung der Waldleute durch die
Habsburger und von ihrer Befreiung durch einen Bund, wie
—
bildet haben mögen, mit der moderneren, erst ein Jahrhundert
später auftauchenden und wahrscheinlich aus Saxo Grammaticus
irgendwie abgeleiteten Erzählung vom Tell nur lose verbunden
haben: ein Dualismus der Bildung, der noch in der oft her—
vorgehobenen Zweiheit des Hauptmotivs im Drama Schillers
nachklingt. Von der Rütli- und der Tellsage aber ist die erstere
geschichtlich die weitaus wichtigere. Sie zeigt noch an einem
späten Beispiel, wie die niedere Kultur eines deutschen Bauern⸗
volkes das geschichtliche Bild großer Ereignisse, die an ihm ge—
schehen waren, in dichtender Einnerung wiederschuf. Nichts
blieb dabei von dem einst Wirklichen bestehen, als der Kern:
die Neigung, eine uralte Autonomie ländlichen Verfassungs—
1Vgl. Band V, 1 S. 31f.