Full text: Finanzwissenschaft

Zu 4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
welche die Staatstätigkeit im strengen und unmittelbaren Sinne des 
Wortes produktiv nennt (nach Stein erzeugt die Steuerkraft die 
Steuer, die Steuer erzeugt die Verwaltung, die Verwaltung erzeugt 
die Steuerkraft) und deren eine Erscheinungsform die Theorie ist, 
daß der Staat eigentlich das wichtigste Produktionskapital ist, das 
bei der Produktion mitwirkt. Auch die Auffassung gehört hier- 
her (Duc de Broglie), daß der Staat eine Unternehmung ist zur 
Herbeischaffung der allgemeinen Vorbedingungen der gesellschaft- 
lichen Produktion. 
2. Tausch- und Verbrauchstheorien. Außer jenen 
Theorien, welche den wirtschaftlichen Charakter der Steuer darin 
erblicken, daß durch die Steuer die produktive Tätigkeit des Staates 
in Bewegung gesetzt wird, finden wir Theorien, die die Steuer als 
eine Verkehrserscheinung betrachten. Demnach ist die Steuer ein- 
fach ein Verkehrsakt, ein Tauschgeschäft, bei dem der Staat für 
seine Leistungen die Steuer erhält. Diese Theorie ist in gewisser 
Beziehung Konsequenz der Vertragstheorie, der entsprechend in 
dem Gesellschaftsvertrage die Einzelnen auch die Pflicht über- 
nehmen, für die durch den Staat zu erfüllenden Leistungen Steuer 
zu zahlen. Die Theorie hängt auch enge mit dem rein privatwirt- 
schaftlichen Gesichtspunkte zusammen, daß hier Leistung und Gegen- 
leistung sich gegenüberstehen. Die Tauschtheorie führt in natür- 
licher Folge ebenso zur Einschränkung der Staatstätigkeit, wie die 
Produktionstheorie zu deren Ausdehnung, da ja in der Produktion 
die geopferten Werte stets reproduziert werden. Kine von der 
Tauschtheorie abgeleitete Auffassung ist jene neuere, mit Aufwand 
wissenschaftlicher Schärfe auseinandergesetzte Theorie, welche so- 
wohl die Steuer, wie überhaupt alle staatlichen Einkünfte auf die- 
selbe Entstehungsursache zurückführt, wie in der Privatwirtschaft, 
nämlich auf die Dialektik des Wertbegriffes. Jener Teil des Privat- 
einkommens, welcher sonst zur Befriedigung schwächerer Bedürfnisse 
verwendet wurde, wird nun zur Befriedigung wichtigerer kollektiver 
Bedürfnisse verwendet. Sax sagt, jenes Gesetz, welches in der 
Privatwirtschaft die Erklärung der geringsten Werterscheinung 
bietet, enthält auch die Erklärung jener Erscheinung, welche in der 
erhabenen Sphäre des Staatslebens vor sich gehe. Trotzdem be- 
merken wir, daß wenn auch die Analogie nicht geleugnet werden 
kann, in der Identität der Erscheinungen doch Sax und sein An- 
hang im Irrtum ist. Wir sehen ganz ab von der Auffassung, welche 
die Staatstätigkeit auf rein wirtschaftliche Kategorien zurückführen 
und welche das selbständige Leben, die selbständigen: Bedürfnisse 
des Staates nicht anerkennen will, da sie nur individuelle Bedürf- 
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