B. IV. Abschnitt. Proportionalität und Progression. 301
deutung zugeschrieben. Weder vom finanziellen, noch vom sozial-
politischen Gesichtspunkte darf ihm zu viel Gewicht beigelegt werden.
Es soll damit bloß erreicht werden, daß die größeren Einkommen
entsprechend ihrer größeren Leistungsfähigkeit in stärkerem Maße
in Anspruch genommen werden. Der progressive Steuerfuß wird
in normalen Zeiten mehr als ein Symbol zu gelten haben und als
solches kann er gute Dienste leisten.
17. Mißbrauch in revolutionären Zeiten. Jene Be-
denken, welche in dem Gefühle wurzeln, daß der progressive Steuer-
fuß zu Mißbrauch Anlaß geben könnte, namentlich in Zeiten starker
demokratischer Strömungen, beruhen auf einem nicht bis ans Ende
verfolgten Gedanken. Solche starke Strömungen, die sich gegen
die großen Einkommen und Vermögen richten, werden die pro-
gressive Besteuerung auch dann ins Leben rufen, wenn dieselbe
bisher nicht existierte, ja es werden — wie ja die neuesten Ge-
staltungen zur Genüge zeigen — auch weit energischere Waffen
gegen die Privilegien des Privateigentums zur Anwendung kom-
men, das Privateigentum als solches vollständig negiert werden,
wenigstens das an den Produktionsmitteln und monopolistische
Struktur besitzenden Vermögensgegenständen. Wo der Haß gegen
die großen Einkommen und Vermögen Wurzel gefaßt hat, wer ist
des naiven Glaubens, daß derselbe nur dort zum Ausdruck kommt,
wo die progressive Besteuerung besteht? Wir betrachten diese
Auffassung als derart naiv, daß wir nur darüber staunen können,
wie diese Argumentation einen so breiten Raum in den Unter-
suchungen über die Wirkung des progressiven Steuerfußes ein-
nehmen kann. Wenn einmal die Macht in die Hände der Hasser des
Vermögens kommen wird, dann werden über das Vermögen schwere
Tage hereinbrechen, mag der progressive Steuerfuß bereits Eingang
gefunden haben oder nicht. Ja es darf die etwas paradoxe Be-
hauptung gewagt werden, es wäre zu wünschen, daß einmal der
progressive Steuerfuß eine übertriebene Anwendung fände, daß man
von den verheerenden Wirkungen eines solchen Steuerfußes die
Beweise hätte, und die rationelle Progression und ihre von Leroy-
Beaulieu verspottete „sentimentale“ Rolle weiteren Angriffen
nicht ausgesetzt werde. Was Say, der die „mäßige“ Progression
billigt, anführt, daß es auch unmäßige Regierungen gibt, das könnte
bei jeder staatlichen Einrichtung angeführt werden; gegen die
Mißbräuche einer nicht mäßigen Regierung ist sehr schwer Remedur
zu finden.
Daß von mancher Seite die Bedeutung des progressiven
Steuerfußes für den Radikalismus überschätzt wird, beweist auch
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