B. IV. Abschnitt. Proportionalität und Progression. 3095
Bei der im Jahre 1893 eingeführten preußischen Einkommen-
steuer war der normale Steuerfuß 3 Prozent; die unterste Stufe
0,6 Prozent, die oberste 4 Prozent. Ermäßigungen genossen
Einkommen bis 6000 Mark, bei welchen verschiedene, die Leistungs-
fähigkeit beeinflussende Umstände in Betracht gezogen werden
konnten. Die österreichische Einkommensteuer vom Jahre 1896
begann auf der untersten Stufe mit einem Steuerfuß von 0,6 Pro-
zent und stieg bis 5 Prozent. Die Steigerung des Steuerfußes war
auf den unteren Stufen langsamer als bei der preußischen Ein-
kommensteuer. Bei Einkommen unter 10000 Kronen konnten Er-
mäßigungen eintreten.
Der Weltkrieg und die Nachkriegszeit haben zu exorbitant hohen
Steuerfußen — in den höchsten Stufen bis nahe 100 Prozent an-
steigend — geführt, die jedoch — von einzelnen Steuern abgesehen —
nur als vorübergehende Erscheinung betrachtet werden können. Die
deutsch-österreichische Einkommensteuer vom Jahre 1920 setzt für
Einkommen über 1200000 Kronen 60 Prozent fest usw.
23. Mathematische Berechnung des Steuerfußes.
Die richtige Formel für den progressiven Steuerfuß ist auch ein
Problem der Mathematik. Mit diesem Problem haben sich Cohen,
Pierson, Gobbi, Edgeworth u. a. befaßt. Sehr richtig ist
die Bemerkung Gobbi’s, daß die Formel für den progressiven
Steuerfuß nicht willkürlicher zu sein braucht, als welche Formel
immer, sobald vom Terrain der Theorie auf das der Praxis über-
gegangen werden muß *).
24. Differenzierung des Steuerfußes nach der
Steuerquelle (fundiertes, unfundiertes Einkommen).
Einzelne Vertreter der Finanzwissenschaft — wie Mill — ver-
werfen wohl die Progression nach der Größe des Einkommens resp.
Vermögens, treten aber für eine Progression mit Rücksicht auf die
Quelle oder die Art des Einkommens resp. Vermögens ein. Bei
der Unterscheidung des Einkommens nach der Quelle, der Art,
kommt namentlich die Unterscheidung des aus Arbeit und des aus
Vermögen stammenden Einkommens, des sogenannten fundierten
und unfundierten Einkommens in Betracht. Das aus Vermögen
stammende Einkommen soll stärker besteuert werden, als das aus
Arbeit stammende. Jenes ist beständiger, dieses veränderlicher;
jenes verursacht ein Minimum von Mühseligkeit, dieses erfordert
Anstrengung und Mühe; jenes hat keine weitere Funktion zu er-
') In der englischen Einkommensteuerenquete‘' wurde gegen die mathe-
matische Formel Edgeworth’s ein starker Angriff nicht ohne Sarkasmus
gerichtet (British Income tax reform, American Economie Review 1920 Sept.).
Földes, Finanzwissenschaft. 2. Aufl. 20
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