Ü 4. Buch. V. Teil. Die Steuern.
2. Wesen der Steuerüberwälzung. Jedes Steuersubjekt,
das Produzent ist, setzt den Preis seiner Produkte in der Weise
fest, daß aus dem Verkaufspreise der Produkte zweierlei Ausgaben
bestritten werden können: einmal die Gestehungskosten, dann die
Kosten der eigenen Lebenshaltung. Diese durch die Befriedigung
der Bedürfnisse des Produzenten verursachten Ausgaben sind im
weiteren Sinne gleichfalls zu den Produktionskosten zu rechnen.
Indem der Staat das Einkommen ‘besteuert, verwickelt sich dieser
Prozeß, denn die Steuer ist eigentlich aus dem Einkommen zu
leisten, wodurch natürlich der Fondszur Befriedigung der Bedürf-
nisse geschmälert wird. Hieraus entspringt die Neigung, das Be-
streben, die Steuer zu den Gestehungskosten zu rechnen *), was
wieder zu der Auffassung führt, daß jeder Produzent tatsächlich
von dem Bestreben geleitet ist, die Steuer von jenen bezahlen zu
lassen, die die von ihm dargestellten Güter oder dargebotenen
Leistungen erwerben. Dies geschieht derart, daß der Preis der
Güter resp. Leistungen in der Weise festgesetzt wird, daß in dem-
selben auch die geleistete Steuer ihre Deckung findet. Diese Kr-
scheinung nennen wir Steuerüberwälzung. Die Steuerüber-
wälzung ist daher das den Verkehr der Güter be-
gleitende Vorgehen, wonach das Steuersubjekt die
zu seiner Last festgesetzte Steuer bei für dasselbe
günstiger Lage der Preisbildung auf jene abstößt,
mit denen es einen Verkehrsakt eingeht.
Die Steuerüberwälzung nimmt in der finanzwissenschaftlichen
Theorie einen ansehnlichen Raum ein, namentlich im der englischen
Theorie hat sie vielfach polemische Erörterungen gefunden. Es
handelt sich eigentlich um eine Erscheinung der Preisbildung, der
die Steuerüberwälzung als Erklärung dient, nicht immer aber als
Ursache, wohl aber als Veranlassung, als Gelegenheit. Ohne die
entsprechende Disposition des Marktes, des Angebotes und der
Nachfrage ist sie eine Fiktion. Dies läßt sich leicht aus folgender
Analyse begreifen. Auf jedem Markte gestaltet sich unter dem
Einfluß von Angebot und Nachfrage der Preis in der Weise, daß
mit Berücksichtigung der Marktverhältnisse das Angebot stets nach
dem höchsten, die Nachfrage stets nach dem niedrigsten Preise
strebt. Im Preise sind die aktuellen Verhältnisse von Angebot und
Nachfrage vollständig erschöpft, es existiert kein unerklärtes, ursach-
loses Vakuum, in dem die Steuerüberwälzung Platz fände. Das
Bestreben nach Überwälzung der Steuern kann das Verhältnis von
1) Gegen diese Auffassung siehe Vocke, Die Steuer, S. 369.
218