Full text: Finanzwissenschaft

I. Abschnitt. Allgemeine Lehren. be 
Kapitalien in produktiver Weise verwendet, dann wird das End- 
resultat von der Differenz abhängen, welche sich zwischen der bis- 
herigen und der sich nun ergebenden Rentabilität der Kapitalien-+ —# 
zeigt. Wenn der Staat die Kapitalien unproduktiv verwendet, dann 
entspricht der Verlust dem bisherigen Ertrag der Kapitalien. Wenn 
der Staat höhere Zinsen bietet, dann kann ein Teil des Kapitals 
auch aus Ersparnissen hervorgehen, da dies die Wirtschaftenden 
zu größerer Sparsamkeit anspornt, was aber auch zur Einschränkung 
der Produktion und zur Entlassung von Arbeitern führen kann. 
Es ist aber auch möglich, daß die neuen Kapitalien nicht durch 
Einschränkung der Konsumtion entstehen, sondern durch größere 
wirtschaftliche Tätigkeit, so daß damit eine Steigerung der Pro- 
duktion verbunden ist. Am schädlichsten ist das Vorgehen, wenn 
der Staat zu hohen Zinsen Kapitalien aufnimmt, denn das stumpft 
die Unternehmungslust ab, lenkt viele Kapitalien von ihrer bisherigen 
Verwendung ab, verschlimmert die Lage der Arbeiter und schwächt 
durch Beschränkung der Produktion die eigentlichen Quellen der 
Staatseinnahmen. 
Ubrigens hängen die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Staats- 
anlehen noch von vielen Momenten ab: Größe des Anlehens, Art 
der Aufnahme, Benutzung, dann Lage der Volks- und Staatswirt- 
schaft. Im allgemeinen wird der Staatskredit das Sinken des Zins- 
fußes, das Steigen des Arbeitslohnes verlangsamen, die Vermehrung 
der Kapitalien wird mehr auf dem Wege der Sparsamkeit als durch 
die Produktion befördert, obwohl er indirekt auch hierauf einwirken 
kann; er schränkt die Privatkonsumtion ein, erweitert dagegen die 
öffentliche, staatliche Konsumtion. Der übermäßigen Inanspruch- 
nahme der Kapitalien wird manchmal dadurch vorgebeugt, daß die 
Staatsgläubiger die Bedingung stellen, wonach der Staat sich ver- 
pflichten muß, für eine gewisse Zeit den Geldmarkt nicht in An- 
spruch zu nehmen („Marktfreiheit“). 
10. Sozialpolitik. Auch die sozialpolitische Bedeutung 
des Staatskredites ist von großer Wichtigkeit. Wenn es auch eine 
Übertreibung ist, daß der Staatskredit die großen Vermögen ge- 
schaffen hat, so ist es doch gewiß, daß derselbe die Bildung großer 
Vermögen bedeutend gefördert und in dieser Richtung tätige Ten- 
denzen verstärkt hat. Daß der Staatskredit nicht allein die Kon- 
zentration des Vermögens geschaffen hat, ergibt sich schon daraus, 
daß er das Bestehen großer Vermögen zu seiner Voraussetzung 
hat. Wohl aber ist zu konstatieren, daß der Staatskredit insbe- 
sondere die konjunkturale Vermögensbildung befördert, indem die- 
jenigen, die in kritischen Zeiten den Staat mit Anleihen unter- 
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