Bel 5. Buch. Der Staatskredit.
‚Jede Nation, sagte der Finanzminister der Vereinigten Staaten,
Macculloch, hat die Pflicht, durch strenge Erfüllung ihrer Ver-
bindlichkeiten in Friedenszeiten zu sorgen, daß ihr in schwierigen
Zeiten der Kredit nicht fehle. Als Philipp II. im Jahre 156
seine Schulden nicht bezahlte, konnte sich der spanische Staats-
kredit nicht wieder konsolidieren. Auch die Art der Verwendung
der Anlehen ist wichtig, da unter gleichen Verhältnissen jener Staat
leichter Kredit bekommen wird, der die Anlehen zu produktiven
Zwecken verwendet. Befördernd wirkt auf den Staatskredit, wenn
die Anlehensmodalitäten den Interessen der Kapitalisten und An-
lagesuchenden in allem entsprechen, namentlich wenn der Verkehr,
die Übertragung der Schuldtitres erleichtert wird. Alles was die
bertragung erschwert, so schwerfällige rechtliche Formen, Über-
ragungsgebühren usw. werden auf den Staatskredit ungünstig zurück-
wirken. In volkswirtschaftlicher Beziehung kommen namentlich die
wirtschaftliche Reife des Volkes, dessen strenge wirtschaftliche
Sitten in Betracht. Große Wichtigkeit besitzt die Lage des Geld-
marktes. In politischer Beziehung hängt der Staatskredit von
günstigen politischen Verhältnissen, dem Einvernehmen zwischen
dem Volk und der Regierung usw. ab. Freilich läßt sich der Ein-
fluß der politischen Verhältnisse schon viel schwerer berechnen.
Wir begegnen da manchen Rätseln. So hat in Ungarn in einer
Zeit, wo das Militär drei Tage hindurch mit der in Aufruhr be-
indlichen Bevölkerung in den Straßen der Hauptstadt kämpfte,
während ein skandalöses Finanzereignis bei dem Kreditinstitute der
Kleingrundbesitzer die Infektion. der Gesellschaft aufdeckte, die
ronenrente den Parikurs erreicht. Am 30. November 1886, nach
Publikation eines mit einem Defizit von 70 Millionen abschließenden
Budgets, welches auf die öffentliche Meinung von erschreckender
Wirkung war, als ferner der Ausbruch eines verhängnisvollen
Krieges zwischen Rußland und OÖsterreich-Ungarn nur die Frage
weniger Tage schien, hat die Papierrente den hohen Kurs von 94,70
erreicht. Später fiel wohl der Kurs, aber trotz der weiteren Ver-
schlechterung der finanziellen Lage, trotz.bedeutender Nachtrags-
kredite, trotz eines eventuellen Bedürfnisses von 52'/, Millionen
Gulden zur Vorbereitung des Krieges, trotz Schwierigkeiten der
Anlehenaufnahme, war der Kurs Ende März 1887 wieder 89,85.
Im Dezember 1921, als der Minister mitteilte, das Defizit betrage,
nicht wie präliminiert, 6'/,,- sondern 16 Milliarden, beginnt der Kurs
der Krone sich zu bessern (vielleicht infolge stärkerer Exporte).
Eine lehrreiche Beleuchtung dessen, wie die politischen Verhält-
\nisse den Staatskredit beeinflussen, bietet die Geschichte des russischen
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