5. Buch. Der Staatskredit.
möglich ist, ferner wenn die Aufnahme nicht nötigt, das Kapital
aus nützlichen Verwendungen herauszuziehen. „Auf inländische
Anlehen, sagt Rogers, kann jener Staat rechnen, dessen Bürger
mehr erwerben, als sie verzehren.“ Wenn dagegen das Inland
nicht in der Lage ist, die nötigen Kapitalien zur Verfügung zu
stellen, oder dieselben nur zu schweren Bedingungen zur Verfügung
stellen könnte und dieselben wichtigen wirtschaftlichen Zwecken
entziehen müßte, dann kann keinen Moment lang daran gezweifelt
werden, daß‘ die Aufnahme im Auslande zweckmäßig ist. Es ist
wahr, daß das Schuldnerland alljährlich an Zinsen bedeutende
Summen an das Ausland zu zahlen hat, aber dieser Preis ist ge-
ringer als die Bedeutung, die die Erfüllung gewisser Staatsaufgaben
besitzt, die aber bei Verzicht auf das ausländische Anlehen nicht
erfüllt werden könnten. Jedenfalls soll jeder Staat danach trachten,
daß er sich vom Auslande hinsichtlich des Staatskredits unabhängig
mache, obwohl gerade vor dem Kriege die lehrreiche Erscheinung
zu beobachten war, daß sowohl England als Deutschland ein starkes
Streben bekundeten, für ihre Anlehen den amerikanischen Geld-
markt zu erobern. So ferne es nur eine falsche Richtung oder
mangelnder Sinn für die Staatsinteressen ist, daß die Anlehen ins
Ausland wandern, so muß natürlich nach einer Besserung der Ver-
hältnisse gestrebt werden, und der Staat ist sogar berechtigt, mit
etwas douce violence die öffentliche Meinung eines besseren zu be-
lehren, wenn der Staatskredit sicher ist. Namentlich solche Kor-
porationen, Institute, welche von seiten des Staates große Privi-
legien genießen, kann der Staat zu einer kräftigeren Unterstützung
des Staatskredits nötigen. Zwischen dem Kredit des Staates und
der Volkswirtschaft ist überdies ein so enger Zusammenhang, daß
die Banken ihren eigenen Kredit im Auslande stärken, wenn sie
zur Festigung des Staatskredits beitragen und nicht mit Gleich-
gültigkeit zusehen, daß der Kredit des Staats deterioriert werde
und in Abhängigkeit gerate. Die Abhängigkeit des Staates vom
auswärtigen Geldmarkte hat jedenfalls bedeutende Nachteile, wirt-
schaftlich und politisch. Jede Erschütterung des internationalen
Kredits oder internationalen Geldmarktes treibt die im Auslande
befindlichen Papiere: heim, das Inland muß dafür Geld ins Ausland
senden. Im Inlande tritt Geldmangel ein, der in einem starken
Steigen des Zinsfußes seinen Ausdruck findet, ja das Ausströmen
der Gelder kann selbst die Valuta erschüttern. Wenn ein solches
Land durch Hinaufschrauben des Zinsfußes das Ausströmen des
Geldes verhindern will, kann dies zu dem Resultate führen, daß im
Auslande das Vertrauen noch mehr erschüttert wird und noch
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