Neue Dichtung.
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der Dichter, so haben wir das Glück, den Weg zu einem noch
weitergehenden Verständnisse durch Schiller selbst eröffnet zu
sehen. Denn der reflektierende Dichter hat in den Abhandlungen
über naive und sentimentalische Dichtung selbst Studien zur
Psychologie der Dichtung geliefert, denen eigenste Erfahrungen
wie auch Reflexe aus der vertrauten Beobachtung Goethes nicht
fern geblieben sein können.
Schiller geht in diesen Studien allerdings im Grunde von
einem Fundamentalunterschiede der praktischen Psychologie über⸗
haupt aus, von dem zwischen dem Realisten und dem Idealisten,
um ihn in einem noch heute fast durchweg geltenden Sinne zu
formulieren. Der Realist ist ihm „in Rücksicht auf das Theo—
retische ein nüchterner Beobachtungsgeist und von fester An—
hänglichkeit an das gleichförmige Zeugnis der Sinne“; „in
Rücksicht auf das Praktische“ zeigt er „eine resignierte Unter—
werfung unter die Notwendigkeit (nicht aber die blinde Nöti—
gung) der Natur: eine Ergebung also in das, was ist und
sein muß.“ Die Eigenart des Idealisten dagegen sieht er
darin, daß er „im Theoretischen ein unruhiger Spekulations—
geist“ ist, „der auf das Unbedingte in allen Erkenntnissen
drängt, im Praktischen“ aber einem „moralischen Rigorismus“
huldigt, „der auf dem Unbedingten in allen Willenshandlungen
besteht“.
Der Realist beweist sich demgemäß „als Menschenfreund,
ohne etwa einen sehr hohen Begriff von den Menschen und
der Menschheit zu haben“; der Idealist „denkt von der Mensch—
heit so groß, daß er darüber in Gefahr kommt. die Menschen
zu verachten“.
Höchst lehrreich ist nun, wie Schiller, wenn auch nicht in
der Art des Verlaufes, so doch im Grunde seiner Erörterungen,
von diesen beiden allgemeinen Typen Anwendung macht auf
den Typus des Dichters. Auch die Dichter zerfallen ihm in
Realisten und Idealisten. Ist ein Dichter Realist, so wird er
ganz von seinem Gegenstande beherrscht sein: wie die Natur,
ja wie die Gottheit steht er hinter seinem Werke. Der idea—
listische Dichter dagegen wird in der Natur erst das Ideal